Als Außenseiter im Riesendorf

Manchmal stimmen Klischees doch – zumindest, wenn es um München geht. Valerie Schönian hat die Trachten und Dirndl mit ihren eigenen Augen gesehen. Die Bayern stört das nicht. Sie trotzen jedem Skeptiker im tiefsten Ur-Bairisch mit: „Mia san Mia“.

Furios auf Reisen 2

Der Nacktmull und das Ungetüm: Das Münchner Rathaus verweigert sich jedem Fotoformat. Foto: Sophie Rohrmeier

Es könnte in einem anderen Jahrhundert sein. Durch die Straßen des bayerischen Millionendorfes streifend, begegnen einem die „Madl“ im Dirndl und die „Buben“ in Tracht, die gerade vor imposanten Gebäuden aus anderen Zeitaltern wie für ein Porträt posieren. Das Bild zieht sich die gesamte Strecke entlang; von der Franz-Joseph-Straße, über die Ludwigs-Maximilian-Universität, bis am Odeonsplatz vorbei: keine unnormalen Gestalten, wie sie sich in Berlin herumtreiben, alles passt zusammen. Man verliert sich gerade im Anblick der ehrwürdigen Bauten und im Kaffeegeruch aus dem Dallmayr-Haus – als auf einmal rechts des Weges ein riesiges Baustellen-Loch klafft. Halleluja, auch München ist im 21. Jahrhundert angekommen!

Das Gebäude hinter dem riesigen Loch ist an Höhe nur noch von der Marienkirche übertroffen: das Münchner Rathaus. Unter den anderen Häusern wirkt es wie der coole Rebell, der sich nicht anpassen will. In Farbe, in Form und in Format. Seine unebene Oberfläche zieht sich rund 100 Meter den Platz entlang und hebt das Gebäude aus der Umgebung hervor. In der Fassade verstecken sich leblose Figuren. Die Fratzen der Wasserspeier und Reiter scheinen das Tümmeln auf dem Platz zu beobachten. Mit diesem Ungetüm aus Stein hat jeder Fotograf seine Probleme. Ob von der Kirche gegenüber, von hinten oder von vorne – es passt einfach nicht ins Bild. Nie ist man weit genug entfernt, zu eng stehen die Geschwister um ihren großen Bruder.

Resignierend genügt man sich mit der Hälfte des Rathauses auf dem Foto. Trotzdem strahlt das Bild eine gewisse Wirkung aus – das Rathaus und der Nacktmull scheinen sich als Außenseiter zu verbünden und allen Schönheitsstandards entgegen zu schreien: „Mia san Mia“.

Alle Teile der Serie „FURIOS auf Rei­sen“ gibt es hier.

Frontpage-Illus­tra­tion: Cora-Mae Gregorschewski

Autor*in

FURIOS Redaktion

Unabhängiges studentisches Campusmagazin an der FU seit 2010

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