Der ewige Halbstarke

Fred Perry widmete ihm eine Kollektion, er gilt als Godfather des Britpop und außerdem als Modfather: Der Sänger Paul Weller gab sich in Berlin die Ehre. Christopher Hirsch war dabei.

The Godfather of Britpop mit Mod-Frisur und Bügelfalte. Foto: Christopher Hirsch

Die Warnung vor Gehörschäden auf den Tickets für das Berlin-Konzert des Sängers Paul Weller mochte angesichts des fortgeschrittenen Durchschnittsalters des Publikums niedlich erscheinen. Der Tinnitus nach dem Konzert war es keineswegs. Großflächiger Sound, zwei Drumsets, mehr Gitarre, größere Spannungsbögen und zwei Zugaben: So präsentierte sich der Pate von Gallagher und Co. am Sonntag, 16.Dezmeber, im Konzertclub Huxleys in Berlin.

Wer jetzt denkt, „Paul wer“, dem sei verziehen. 1958 in den Arbeitervierteln der Londoner Peripherie geboren, wurde er von den Bands der British Invasion wie den „Beatles“ und „The Who“ nachhaltig geprägt. Mit 17 Jahren gründete er „The Jam“ und reihte sich mit punkiger Attitüde hinter Bands wie den „Sex Pistols“ und „The Clash“ ein, um kurze Zeit später dank reduzierterem und modernerem Sound aus deren Schatten zu treten. Auch politisch war Weller immer auf der Höhe der Zeit und thematisierte in seinen Texten Atomzeitalter, die Eiserne Lady Margaret Thatcher oder Gewerkschaften und Arbeitskämpfe.

Neben Beatles, Punk und Politik ist die Liebe zur Soulmusik ein wichtiges Element des Wellerischen Kosmos. Diese Affinität bereicherte nicht nur Wellers Musik ungemein, sondern ließ ihn in Verbindung mit seinem exquisiten Kleidungsstil als Erben der britischen Mod-Tradition erscheinen. Im Rahmen des Mod-Revivals der 1970er-Jahre handelte er sich den Titel „Modfather“ ein. 1982 löste Paul Weller „The Jam“ zum Schrecken seiner Fans auf, um sich mit „The Style Council“ gänzlich dem Soul, dem Jazz und pastellfarbenen Kaschmir-Pullovern hinzugeben.

Wegbereiter für „Oasis“

Schließlich, seit den 1990ern, ist Paul Weller als Solokünstler aktiv und entwickelt seine ohnehin facettenreiche Musik durch Kooperation beispielsweise mit „Portishead“ oder „Oasis“ weiter. Für Bands wie die letztgenannte gilt er nicht nur wegen seiner Frisur, sondern als der Godfather of Britpop auch musikalisch als Wegbereiter.

Auf dem Konzert im Berliner „Huxleys“ spielte Paul Weller vor allem neue Songs von seinen jüngsten beiden Alben, die im Vergleich zu ihren Vorgängern in zunehmendem Maße von offenen stimmungsvollen Sounds und teilweise synthetischen Klängen leben. Ihm sei hoch angerechnet, dass er sich nicht auf seinem beachtlichen Hitkatalog ausruht, sondern sich weiter entwickelt. Auf Fragen nach einer möglichen Wiedervereinigung von „The Jam“ reagiert er regelmäßig mit rotzigen Verweisen auf seine aktuelle Arbeit.

Er will keinen Preis für sein Lebenswerk, selbst den Ritterorden der Queen hat er abgelehnt. Genauso wenig will er erwachsen werden: Er flucht, lästert über die aktuelle Musiklandschaft, kaut permanent Kaugummi, rotzt auf die Bühne, raucht als Einziger im Konzertsaal und gestikuliert als würde er gegen Establishment, Eltern, Hausaufgaben und andere Sorgen eines Teenagers ansingen. In seiner Musik hingegen ist diese Jugendlichkeit leider etwas verloren gegangen. Die Songs sind zwar nach wie vor gitarrenlastig, laut und aggressiv – allerdings überschatten große, oft düstere Gesten die jugendliche Naivität, Leichtigkeit und Rhythmik, die man von „The Jam“ gewohnt war.

Die Fans lieben die alten Hits

Trotzdem wäre es falsch, Paul Weller auf „The Jam“ zu reduzieren. Mit dem Song „My Ever Changing Moods“ belebte er das tanzbare Erbe von „The Style Council“ wieder und die Songs „Broken Stones“ und „You Do Something To Me“ erinnerten das Publikum daran, dass Weller auch solo großartige Songs geschrieben hat. Und schließlich holte der Altmeister doch noch „The Jam“ aus der Versenkung: Nach der Ansage, „This is an even elder song than the one before“, gab er „Strange Town“ zum Besten. Und da war sie, diese Mischung aus Punk, Motown und New Wave der in den 1970ern ganz Großbritannien zum Opfer fiel.

So waren trotz halbstarkem Gebaren diese musikalischen Rückblicke die Highlights des Konzerts. Das würde Paul Weller natürlich anders sehen. Doch er gibt in Teenager-Manier sowieso einen Scheiß darauf und ist sich seiner Sache sicher – seit mehr als 40 Jahren.

Autor*in

FURIOS Redaktion

Unabhängiges studentisches Campusmagazin an der FU seit 2010

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