Schiebst du noch oder schreibst du schon?

Am „Langen Tag der aufgeschobenen Hausarbeiten“ kamen Leidensgenossen zusammen, um sich Tipps gegen Aufschieberitis zu holen – und vielleicht endlich zu schreiben. Auch Salomé Stühler hat sich aufgerafft.

Allein darum geht es. Ach, wenn es doch so einfach wäre... Foto: Salomé Stühler

Ganz unauffällig sehen wir aus. Man sieht es uns nicht an, aber wir leiden an Herzrasen, Schuldgefühlen, Angstschweiß und Schlaflosigkeit. Uns haftet das Stigma der Faulheit an, wir kämpfen gegen Vorurteile, unnachgiebige Dozenten und es gut meinende Mitbewohner, von denen wir uns so gern ablenken lassen. Man sieht es uns nicht an – aber wir leiden an Prokrastination.

Die Aufschieberitis, gern auch Studentensyndrom genannt, ist zwar nicht ansteckend, hat aber bereits etwa 70 Prozent der Studierenden befallen. Die Betroffenen können Hilfe gebrauchen. Am Donnerstag fand daher zum ersten Mal der „Lange Tag der aufgeschobenen Hausarbeiten“ in der Philosophischen Fakultät der FU statt. Als eine von über 20 Institutionen in Deutschland und als einzige in Berlin bot die „Lange Nacht“ neben persönlicher Beratung auch Workshops zu Themen wie Schreibblockaden und Zeitmanagement an. Für diejenigen, die sich der Herausforderung gleich vor Ort stellen wollten, stand eigens ein Schreibraum zur Verfügung. Und damit ein Ausgleich und Belohnungen nicht zu kurz kommen, lockten außerdem Entspannungsübungen, Koffein und – Buchstabensuppe.

Für den Einstieg setze ich mich in den Workshop „Wissenschaftliches Schreiben“. Zunächst klagt dort ein jeder sein Leid (darin dürften chronische Aufschieber ja geübt sein), dann soll Abhilfe verschafft werden. Die Inhalte des Seminars erinnern allerdings eher an die Übungen für Erst- oder Zweitsemester. Die Kommaregeln gibt es in fünf Minuten: „Ein Komma trennt Haupt- und Nebensatz.“ Davon abgesehen, dass hier fast ausschließlich Germanistik-Studenten sitzen, ist die Veranstaltung unfreiwillig komisch. Einige Teilnehmer schmunzeln in sich hinein, während wir Verben in einen Lückentext einsetzen, um die Einleitung einer Hausarbeit zu üben. Über den Akademiker-Jargon von „näher betrachten“ oder „sich beschäftigen mit“, der so trocken ist wie Totholz, kommen wir dabei kaum hinaus.

Nun gut. Immerhin weiß ich nun, dass mein Problem nicht im wissenschaftlichen Schreiben liegt. Aber jetzt geht es ans Werk. Im Schreibraum können alle, die genug Motivation haben und die Qualen der Themensuche und Gliederung bereits überstanden haben, mit anderen „Ich mach’s morgen“-Taktikern in Ruhe arbeiten. Nur wenige Tische sind besetzt. Dabei müsste der Bedarf doch gigantisch sein?

Minimalziel: „positive Schreiberfahrung“

„Leider war der Andrang nicht allzu groß“, bedauert Frau Wellbrock von der Psychologischen Beratungsstelle, die im Beratungsraum auf Hilfesuchende wartet. „Vielleicht, weil Semesterferien sind oder die Organisation relativ kurzfristig verlief. Wir sind trotzdem zufrieden, weil wir denjenigen, die gekommen sind, zeigen können, dass es auch während des Semesters Angebote gibt.“

Mich überzeugt der einfache Schreibraum. Wenn regelmäßig ein Raum in der Uni zur Verfügung stehen und aus dem „Langen Tag“ eine „Lange Nacht“ würde, kämen sicherlich noch mehr Betroffene. „Ich habe noch Hausarbeiten aus dem ersten Semester zu schreiben“, klagt ein Teilnehmer, der demnächst das sechste Semester beginnt. „Am hilfreichsten finde ich hier den Kontakt zu den Beratungsstellen. Ich wusste gar nicht, dass es so etwas wie die Schreibwerkstatt gibt.“

Selbstredend kann man nicht erwarten, an einem Tag alle Schreibblockaden und Motivationstiefs zu überwinden. Aber das ist auch gar nicht das Ziel der Veranstalter. „Ich finde es gut, wenn man Selbsthilfe unterstützt“, sagt die Diplom-Psychologin Edith Püschel. „Zu viele bleiben mit den Problemen allein. Die Veranstaltung ist eine gute Möglichkeit zur Vernetzung und um eine positive Schreiberfahrung zu machen.“

Der Tag ist also auch nützlich, um zu sehen, dass andere die gleichen Schwierigkeiten haben wie ich. Oder noch schlimmer dran sind. Wenn im Workshop ein Germanistikstudent von sich sagt, ihm werde schlecht, sobald er eine Bibliothek betritt – dann kommen mir meine Probleme plötzlich ganz klein vor.

Autor*in

FURIOS Redaktion

Unabhängiges studentisches Campusmagazin an der FU seit 2010

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