Blind durch den Film

Bei Dokumentarfilmen denken viele an eine gelangweilte Stimme aus dem Off, die erklärend den Bildern zur Hilfe eilt. Das ist Quatsch, wie der fünfte Teil unserer Filmserie beweist. Von Robert Ullrich

"Black Sun" ist ein Dokumentarfilm von Gary Tarn

„Black Sun“ ist ein Dokumentarfilm von Gary Tarn

Spreche ich von Dokumentarfilmen, meine ich Filme, die das Leben zur Drehbuchgrundlage nehmen, nicht umgekehrt. Filme, wie „Black Sun“ vom Regisseur Gary Tarn. Der Film nimmt den Maler und Filmemacher Hugues de Montalembert in den Fokus.

Montalembert ist Künstler mit Wohnsitz New York City. Dort wird er in den späten 1970er-Jahren abends in seiner Wohnung von einem Einbrecherduo überrascht. Im Handgemenge schütten die Eindringlinge Lackentferner in seine Augen. Noch in derselben Nacht erblindet der Maler.

An dieser Stelle könnte der Film in Krankheitskitsch und Depressionen versinken. Doch das tut er nicht, im Gegenteil: Der Film nimmt erst jetzt richtig Fahrt auf. Montalembert beginnt einen neuen Lebensabschnitt, der sich nicht um eine Einschränkung, sondern eine ungewollte Bereicherung dreht.

Die Filmbilder bleiben verschwommen und sphärisch: Manchmal bewegen sich Menschen wie durch Honig über die Leinwand, manchmal bleibt es bei Lichtkreisen. Die Bilder des Films illustrieren Montalemberts eigenes Kopfkino, nicht das für Sehende Sichtbare. Über diese Bilder legt sich nachdenklich und nach Worten ringend die Stimme des Malers. Der Film wird so zum Medium, um das Leben gedanklich zu durchpflügen.

Es ist der totale Verlust der einstigen Lebenssäule – des Sehens –, der Montalembert den finalen Schritt zur Selbsterkenntnis machen lässt. Er spaziert nachts allein durch New York, um seinen Orientierungssinn zu trainieren, beginnt Klavier zu spielen und begibt sich ohne Absprache mit Freunden und Angehörigen auf eine lang ersehnte Weltreise. Die neuen Lebenswege stellen zuvor sicher Geglaubtes in Frage. Unhinterfragtes wird ausformuliert, das „Normale“ neu definiert. Was heißt „Sehen“? Was ist das Leben? Nach seinen radikal neuen Erfahrungen stellt Montalembert fest: „To see is to see beyond“.

„Black Sun“ ähnelt einer Meditation über das Dasein. Es gibt keinen Plot, sondern Gedanken. Diese sind so markerschütternd, dass 70 Minuten Film als kurzweiliger Rausch erscheinen.

Die Doku ist damit ein Gesamtkunstwerk aus Musik, Bildern und Text. Nicht die raunende Erklärstimme spricht aus dem Off, sondern Montalembert selbst liefert den Text. Nicht die Filmbilder, sondern die wie in Stein gemeißelten Lebensweisheiten beleben den Film. Es wird nicht moralisiert, nicht verglichen, nicht angeklagt. Vielmehr versucht die Dokumentation, das nahezu Unmögliche darzustellen, die Perspektive eines Blinden. Dieser geniale Ansatz macht den Film zum dokumentarischen Juwel.

Für den gemeinsamen WG-Abend ist „Black Sun“ vielleicht eher ungeeignet. Für das stille Hinterfragen eigener Grundannahmen des Lebens aber bietet der Film allerhöchstes Potenzial. Die Empfehlung ist daher eindeutig: Unbedingt anschauen. Sehen lernen!

Autor*in

FURIOS Redaktion

Unabhängiges studentisches Campusmagazin an der FU seit 2008

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