Zu Hause – und trotzdem fremd

Berlin ist multikulti, weltoffen und tolerant. Aber wer toleriert eigentlich noch die Berliner? Rebecca Eickfeld, eine Waise ihrer Mutterstadt, berichtet mit Herz und Schnauze.

Illustration: Cora-Mae Gregorschewski

Semesterbeginn. Auf den Einführungsveranstaltungen wird von Kulturaustausch gesprochen und man spürt die unbegrenzten Möglichkeiten der Globalisierung: Erasmus, Partner zum Fremdsprachenaustausch, internationale Studenten. Mir begegnen ein bis zwei bekannte Gesichter und ich lerne Leute aus Hamburg, Bielefeld und Krefeld kennen. Ich kleiner Ersti bin begeistert und liebe dieses Weltenbummler-Flair.

Bis zum ersten Kneipenabend: Denn ich bin die einzige Berlinerin. Und zwar nicht in einem wunderbaren Meer aus Internationalität, sondern in einer staubtrockenen Wüste von bundesweit. Meine Kommilitonen wohnen teilweise erst drei Wochen hier und erzählen mir, wie lecker doch die Currywurst bei Curry 36 sei und dass sie heute noch in den Fritz Club gehen. Glückwunsch!

Trotz dieser bombastischen Vorlage für einen Spruch aus der Klischeeschublade für Zugezogene verstumme ich, als sie mir ihre Geschichten erzählen und habe mächtig viel Respekt vor ihnen. So reif sind die also. Warum? Weil sie mit 19 Jahren von Zuhause ausgezogen sind und den Weg nach draußen gewagt haben? Sich schnell noch eine von den vollbesetzten WGs gekrallt haben? Weil sie wissen wie sie mit der BVG von Neukölln zum Rosenthaler Platz kommen? Okay, ich gebe zu, das ist bewundernswert.

Aber ich darf hier ja wohl auch studieren, oder? Ich habe mich im verdammten Doppeljahrgang (Danke, G8!) durchgeschlagen, habe mir eine Woche nach Abiturverleihung einen guten Nebenjob ergattert und drei Monate später sitze ich hier an der Uni in Berlin. Ich war noch nie in meinem Leben bei Curry 36, sondern im Kiez bei Curry Paule. Mein Opa ist zwischen den Kriegstrümmern in Steglitz aufgewachsen, meine Mutter hat ihre Cousine erst wieder 1989 unbeschwert in die Arme schließen können. Und ich kann Berlinerisch, diesen „hässlichen“, „ranzigen“ Dialekt.

Ein Kommilitone, unverkennbar sächsischer Einschlag, wollte mir heute weismachen „dufte“ hieße, dass etwas langweilig sei. Kannste knicken!

Ganz ohne Koffer im Hörsaal

Nachdem ich mir die vielseitigen und aufregenden Geschichten eures Lebensweges, der euch schließlich nach Berlin geführt hat, angehört habe, kommt die erwartungsvolle Frage: „Und woher kommst du?“ „Aus Berlin.“ „Ach so.“ Hiermit ist das Gespräch dann meist beendet. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. Ich habe mir deshalb angewöhnt zu sagen: „Aus Berlin-Neukölln.“ Große Augen in denen man lesen kann: Rütli, Gewalt, Gefahr, Skandal! Aber das Thema ist bei den meisten auch schon ausgelutscht. Mist.

Voller Vorfreude und der Begierde nach Heimatgefühl steige ich in die U-Bahn. Ich spitze die Ohren und lausche aufmerksam nach den Klängen von „icke, dette, kieke mal…“. Ohne Erfolg. Ich habe nie berlinert und war nie übermäßig stolz auf meine Heimatstadt. Doch langsam formt mich das Menü aus Maultaschen, Kölsch und Friesentorte zu einer wahrhaftigen Verfechterin des Lokalpatriotismus.

Einen meiner letzten hinterbliebenen Berliner Freunde rufe ich an, wenn mir mal nach „Schöhn juten Tach“ ist und hoffe, dass er nächste Woche, wenn der nächste Kneipenabend ansteht, frei hat. Blöd nur, wenn ich dann Freitagnachmittag wieder als einzige ohne Koffer im Hörsaal sitze. Dann fühle ich mich wirklich einsam.

Autor*in

FURIOS Redaktion

Unabhängiges studentisches Campusmagazin an der FU seit 2008

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2 Responses

  1. RN sagt:

    Toller Artikel. Genauso fühlen sich, denke ich, so ziemlich alle Berliner an den Unis. Als Berliner kommt man sich hier eh manchmal vor wie ein Paradisvogel…

  2. BB sagt:

    Als Zugereister möchte ich nach Lektüre auch nur noch ein “echter” Berliner sein. Vielleicht ist da ja auch eine Frage der Haltung und nicht des Geburtsortes. Toller Artikel, gut geschrieben- kurzweilig!

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