Keine Zeit für Politik

Studierende bringen sich kaum in die Hochschulpoltik ein. Der Hauptgrund dafür liegt nicht dort, wo die meisten ihn suchen. Schuld ist nämlich der Bolognaprozess – und wie die FU damit umgeht. Von Max Krause Nur 80 Besucher bei einer Vollversammlung aller Studierenden, extrem schlechte Wahlbeteiligung, kaum Interesse an hochschulpolitischen Entscheidungen – mit der studentischen Mitbestimmung an der FU sieht es denkbar schlecht aus. Verschiedene Seiten bringen verschiedene Erklärungen dafür: unpolitische Studierende oder undemokratische Strukturen. Ein Punkt aber wird selten genannt – obwohl er vielleicht der entscheidende ist: die Umstellung aufs Bachelor-Master-System.

Früher, zu Zeiten des Diploms, wussten Neuankömmlinge an der Universität, dass sie hier vermutlich fünf oder mehr Jahre ihres Lebens verbringen würden. Für frisch gebackene Abiturienten ist das ein enorm langer Zeitraum. Also tauchten sie in die neue Umgebung ein, lernten sie kennen, fühlten sich zugehörig – und wollten sie schließlich auch mitgestalten.

Vom Zuhause zum Durchgangsbahnhof

Ein Bachelorstudium dauert aber üblicherweise nur drei Jahre. Die Zukunft danach ist offen. Denn gerade an den beliebten Berliner Unis ist ein späterer Masterplatz keineswegs sicher. Wer erst zum Master an die FU kommt, hat sogar nur zwei Jahre Eingewöhnungszeit.

Studenten haben also weniger Zeit an der Uni, und das drückt sich auch in ihrer Einstellung aus: Die Hochschule wird vom Zuhause zum Durchgangsbahnhof. Warum eine Institution mitgestalten, wenn ich in einem Jahr schon wieder weg bin?

Am deutlichsten zeigt sich dieser Unterschied an den Machtverhältnissen im Akademischen Senat (AS). Es gibt nur eine studentische Liste, die speziell einen Fachbereich vertritt, die der Juristen. Rechtswissenschaft ist einer der einzigen Studiengänge, die noch nicht auf Bachelor-Master umgestellt sind – und dort ist die Beteiligung am höchsten.

Die FU hat die Umstellung verschlafen

Wie schon die Anpassung der Studieninhalte hat die Uni die Neugestaltung der studentischen Mitbestimmung verschlafen. Das hochschulpolitische System ist immer noch auf Diplomstudenten ausgelegt. Die Gremien der Universität werden im Zweijahrestakt gewählt. Für einen Studenten, der sich einbringen will, heißt das unter Umständen zwei Jahre warten – bis das Studium schon fast vorbei ist.

In der Praxis führt das zu Problemen: Wer sich einbringen will, muss sein Studium verlängern. Umgekehrt kommen vor allem diejenigen zu hochschulpoltische Ämtern, die bereit sind zu warten. Als Ergebnis sind alte Diplom- und Magisterstudierende und Langzeitstudierende in vielen Gremien überrepräsentiert.

Die Uni braucht hier mehr Flexibilität. Wer aktiv werden will, muss das auch können. Am einfachsten wäre das zu erreichen, wenn die studentischen Vertreter jedes Semester neu besetzt würden. Es sind auch noch ganz andere, neuartige Konzepte denkbar. So wäre es etwa möglich, vor jeder Gremiensitzung Entsandte der Studierendenschaft zu bestimmen, die für genau eine Sitzung ihr Amt innehaben.

Das ist mehr Verwaltungsaufwand? Sicher. Aber die FU hat schon im vergangenen Jahr Millionen in ein Projekt zur Verbesserung der Lehr- und Studienqualität gesteckt. Wenn sie dieses Anliegen ernst meint, muss ihr das auch mehr Aufwand für die Beteiligung Studierender wert sein. Denn der beste Weg, die Studienqualität zu verbessern, ist immer noch, auf die Betroffenen zu hören.

Autor*in

FURIOS Redaktion

Unabhängiges studentisches Campusmagazin an der FU seit 2008

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4 Responses

  1. Prof. Dr. Platon sagt:

    “Denn der beste Weg, die Stu­di­en­qua­li­tät zu ver­bes­sern, ist immer noch, auf die Betrof­fe­nen zu hören.”

    Auf den Punkt gebracht!

    Und der beste Weg die Taschengeldqualität zu verbessern, ist immer noch, auf die Betroffenen zu hören.

  2. Kängu sagt:

    >>Ein Punkt aber wird sel­ten genannt – obwohl er viel­leicht der ent­schei­dende ist: die Umstel­lung aufs Bachelor-Master-System.<<

    Die Analyse, dassdas Bachelor-Master-Zwangsjackensystem mit mehr Leistungsdruck zu weniger mitgestaltugnsbereitschaft und HoPo-begeisterung utner Stduis führt ist absolut korrekt, was nicht stimmt, ist dass sie nie genannt wird. Erst in den politischen Kontextualisierung der RSPO analysiert das Redaktionskollektiv der Unitopia ebenfalls genau diese entwicklung. Und auch im allgemeinen weißt der Bildugnsprotest seid Jahren auf dieses fatale und nicht zufällige Beiprodukt von Bologna hin!

    Nachzulesen: http://www.bildungsprotestfu.net/unitopia/ausgabe-1/

  3. Student sagt:

    Wie recht du hast, wie recht du hast!

  4. über die wir beide hier einen kurzen Überblick geben wollen. Wer darüber hinaus noch mehr wissen will, findet am Ende dieses Abschnitts jede Menge Kontaktdaten der Fachschaften und der hochschulpolitischen Listen , bei denen ihr euch auch selbst engagieren könnt. Denn grundsätzlich gilt überall: Ihr habt die Wahl, üblicherweise jährlich. Ihr bestimmt, wer euch vertritt und sich für euch einsetzen soll, und könnt euch auch selber zur Wahl stellen und was für die Studierenden bewegen.

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