„Jenseits des Notwendigen“

Stefan Gosepath ist neuer Professor für praktische Philosophie an der FU. Im Henry-Ford-Bau hielt er seine Antrittsvorlesung mit dem Titel „Muss die wahre Politik der Moral huldigen?“. Von Robert Ullrich

Will die Politik nicht zur bloßen Sozialtechnik und Verwaltung der Sachzwänge verkommen lassen: Stefan Gosepath. Foto: Bente Staack

Der Applaus für Stefan Gosepath wollte nicht enden: 40 Sekunden, 43, 47. Gosepath hat an der FU Berlin die Professur mit dem wohl längsten Titel übernommen: „Professor für Praktische Philosophie mit den Schwerpunkten Ethik, angewandte Ethik und Politik samt ihrer Theorien“. Ganz so sperrig wie der Titel seiner Professur war die Antrittsvorlesung zum Glück nicht.

Dass der Philosoph überhaupt dem Ruf nach Berlin gefolgt ist, erfüllte in ihrer Eingangslaudatio nicht nur die Dekanin Doris Kolesch und die geschäftsführende Direktorin Sybille Krämer mit unübersehbarer Freude, es ist auch ein Glücksfall für die Studierenden. Diese erwartet mit Gosepath ein streitbarer und praxisorientierter Gerechtigkeitstheoretiker, dessen Motto in Anlehnung an eine bekannte Berliner Liedermacherin schlichtweg lauten könnte: „Die Welt ist was Gemachtes“. Doch der Reihe nach.

Stefan Gosepath ist kein neues Gesicht für den Berliner Universitätsbetrieb. Bereits seine Magisterarbeit, seine darauf folgende Promotion unter dem Moralphilosophen Ernst Tugendhat und die Habilitation verfasste er an der FU. Dazwischen und danach zog es ihn zu vielfältige Stationen im In- und Ausland, u.a. nach Harvard, New York, St. Gallen, Gießen, Wien, Frankfurt a.M., Bremen, Potsdam. Nun ist er zurück und hält seine Antrittsvorlesung just in dem Hörsaal, in dem sein erstes Tugendhat-Seminar Mitte der 80er-Jahre stattfand. Da klingt die Stimme zu Beginn schon einmal brüchig, was sich aber beim Betreten seines Herzensthemas schnell ändert.

Moral ist objektiv

Moral und Politik. Beide gehen Hand in Hand und sind untrennbar verwoben, so die Kernthese. Gosepath illustriert das am Beispiel der Ungerechtigkeit. Schicksal auf der einen Seite und menschengemachtes Unrecht auf der anderen prägen das soziale Zusammenleben einer Gesellschaft. Der entscheidende Punkt zwischen beiden Formen der Ungerechtigkeit ist aber nicht die Ursache (menschengemacht oder nicht), sondern die Frage nach der Veränderlichkeit des Unrechts durch die Politik. In dem Moment, wo Politik nur noch reagiert und sich den Sachzwängen anpasst, schafft sie sich schon ab und wird zur bloßen Sozialtechnik.

Dass die Menschen von der Politik mehr erwarten, zeigt sich für Gosepaht in der globalen Krise: „Die Menschen protestieren!“ Sie haben moralische Forderungen. Wo Unrecht veränderlich ist, lässt sich auch anders handeln. Ausflüchte in historische („So machen wir das schon immer“) oder faktische („Es gibt keine Alternative“) Muster maskieren die eigentliche Begründungspflicht eines jeden freien Handelns. Denn Handeln im politischen Raum unterliegt einer Pflicht, die jenseits des Notwendigen liegt.

Gosepath wirft im Verlauf seiner Argumentation mit dicken Brocken um sich, die wohl so manche Zuhörer nur ungerne schlucken werden: Moral sei objektiv, moralisches Handeln eine Pflicht. Globale Gerechtigkeit kann nicht individuell und aus Gefühl (Mitleid), sondern nur strukturell, kollektiv und aus zwingenden Gründen hergestellt werden. In der Philosophie, so schließt Gosepat, ginge es zu oft nur um Originalität von Argumenten nicht aber um Realisierbarkeit. Dies zu ändern und die Behauptungen seiner Theorie in Beweise zu wandeln sei die Aufgabe, die er sich die nächsten Jahre für die Arbeit an der FU gesetzt hat. Für die Studierenden am Fachbereich dürften die zukünftigen Seminare wohl spannend werden.

Autor*in

FURIOS Redaktion

Unabhängiges studentisches Campusmagazin an der FU seit 2008

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