Das Buch zum Protzen

Dieses Buch ist in jeder Hinsicht gewichtig: 1.268 Seiten lang, 130 Jahre alt und laut Wikipedia eines der größten Werke der Weltliteratur: Dostojewskijs „Die Brüder Karamasow“. Von Max Krause

Fjodor Dostojewskijs „Die Brüder Karamasow“. Foto: promo

Der langjährige Nobelpreis-Anwärter Haruki Murakami zählt es zu seinen Lieblingsbüchern. Intellektuelle Größen wie Nietzsche, Kafka und Freud ließen sich von seinem Autor inspirieren. Solcher Ruhm löst hohe Erwartungen aus – alles nur zu viel Gerede von zu großen Leuten? Oder ist Fjodor Dostojewskijs „Die Brüder Karamasow“ tatsächlich ein Meisterwerk?

Der Einstieg in das Buch fällt schwer: Im ersten Abschnitt liefert uns Dostojewskij eine umfassende Übersicht über eine Personenkonstellation, die man heutzutage schlicht „Patchworkfamilie“ nennen würde: Ein Vater, zwei Mal verheiratet, ein Kind aus erster Ehe, zwei aus der nächsten. Dazu ein weiteres, angeblich uneheliches, Kind. Jede der Figuren erhält in guter russischer Tradition drei Namen: Vorname, Name des Vaters, Familienname. Zusätzlich einen Spitznamen, der für den Slawistik-Laien nur in vagem Zusammenhang zum Vornamen steht: Alexej Fjodorowitsch Karamasow wird kurz zu „Aljoscha“ gemacht.

Das Personenverzeichnis am Ende des Buches liefert hier unschätzbare Dienste. Anfänglich schützt allein regelmäßiges Nachschlagen davor, sich in dem Verwandschafts- und Bekanntschaftsgestrüpp zu verlieren. Nach fünfzig Seiten ist das Setting geklärt und die eigentliche Geschichte kann beginnen.

Kriminalroman und psychologische Analyse zugleich

Wie der Name vermuten lässt, handelt die Geschichte von den drei Söhnen des Fjodor Karamasow, die unterschiedlicher kaum sein könnten: Der Älteste, Dmitrij, ist ein eher einfältiger Soldat, sein Bruder Iwan ein atheistischer Intellektueller und der Jüngste, Aljoscha genannt, will Mönch werden. Sie kommen mit ihrem Vater zusammen, um einen Streit zu lösen: Dmitrij, der notorisch knapp bei Kasse ist, fordert angeblich geliehenes Geld von seinem Vater zurück. Dieser verweigert es ihm, da er plant seiner Geliebten Gruschenka mit dem Geld einen Heiratsantrag zu machen. Für Gruschenka hat aber auch Dmitrij Gefühle. Konfliktpotenzial ist bei den Karamasows also genug vorhanden.

Was dann folgt, ist zugleich Kriminalroman, Liebesgeschichte, philosophische Abhandlung, psychologische Analyse und noch vieles mehr. Der Vater wird ermordet und der Verdacht fällt sofort auf Dmitrij. Aljoscha versucht, dessen Unschuld zu beweisen, während Iwan zunächst teilnahmslos bleibt. Neben diesem Handlungsstrang wird immer wieder ausschweifend das Schicksal von Nebencharakteren beleuchtet.

Trotz der einschüchternden 1.268 Seiten verliert die Geschichte nur selten an Tempo. Und noch überraschender: Obwohl Dostojewskij schon mehr als hundert Jahre tot ist, kann man sich sofort in seine Protagonisten hineinversetzen. Natürlich merkt man dem Buch an, dass es einige Dekaden auf dem Buckel hat. Dennoch sind die Menschen wohl im Großen und Ganzen dieselben geblieben. Und Dostojewskij, das merkt man, kennt sich in den Untiefen der menschlichen Psyche bestens aus.

Das Fazit?„Die Brüder Karamasow“ ist definitiv ein überaus beeindruckendes Buch — immer noch. Man findet heutzutage wohl kaum einen Roman, in dem den Figuren derart viel Platz eingeräumt wird. Nach der letzten Seite tut es schon ein bisschen weh, sich von ihnen zu verabschieden. Und mal ganz ehrlich: Wer kann schon von sich behaupten 1.268 Seiten, die 130 Jahre alt sind, gelesen zu haben? Das kommt in jedem Literatenkreis gut an.

Die Brüder Karamasow
Autor: Fjodor Dostojewskij
Übersetzung von Swetlana Geier
Verlag: Fischer
Preis: 17,00 €

Autor*in

FURIOS Redaktion

Unabhängiges studentisches Campusmagazin an der FU seit 2008

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