Die Angst vor uns selbst

„Who is afraid of Sigmund Freud?“ lautet die Frage, die im Zentrum der zweiten Vorlesungsreihe des offenen Hörsaals steht. Antonia Fischer hat diese besucht, um sich ihrer Angst zu stellen.

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Thema Psychoanalyse im offenen Hörsaal. Illustration: Luise Schricker

Wahrscheinlich hat jeder ein bisschen Angst davor, seine tiefsten menschlichen Abgründe kennen zu lernen. Trotzdem oder gerade deswegen ist es nicht verwunderlich, dass an diesem Dienstagnachmittag ein komplett voller Hörsaal mit nahezu allen Altersgruppen anzutreffen ist. Besonders auffällig dabei: Eindeutig mehr ältere Menschen als Studenten besetzen die Plätze und warten gespannt auf den Beginn.

FU-Präsident Peter-André Alt erklärt in seiner Eröffnungsrede, dass die Fragestellung „Who is afraid of Freud? Perspektiven der Psychoanalyse heute“ bewusst zweiteilig gewählt wurde: Es soll einerseits die Angst vor Dogmatismus und Provokationen aufgezeigt, andererseits die Kontinuität und Aktualität des Themas unterstrichen werden. Ziel der Vorlesungsreihe ist es, der modernsten Humanwissenschaft etwas näher zu kommen und durch Bezüge aus verschiedenen Fachgebieten wie der Medizin, Psychologie, Philosophie, Kunst, Literatur und Pädagogik Antworten zum Selbstverständnis zu finden. Der Mensch habe schon immer den Drang gehabt, sich selbst auf den Grund zu gehen und Geheimes zu entlarven.

Das Kind in uns

Wie Freud es schon immer propagierte, ist die Kindheit prägend für unseren Charakter. Wer hätte zum Beispiel gedacht, dass jeder Arztbesuch einer Mutter-Kind Beziehung gleicht? In seiner Beunruhigung, etwas könnte nicht stimmen, erwarte jeder Patient das gleiche Verständnis und die Allwissenheit vom Arzt, wie ein Kind von seiner Mutter, so Martin Teising von der International Psychoanalytic University Berlin, dem wichtigsten Partner der Vorlesungsreihe.

Ein Fallbeispiel zeigt, dass eine Patientin, die in der Kindheit von ihrem Onkel schwer misshandelt und genötigt wurde, nun im Erwachsenenstadium vermehrt Barrieren zwischen sich und ihren Mitmenschen baut. Die traumatischen Verletzungen bewirken eine Ich-Veränderung. Mit der Überforderung diese Erfahrungen zu verarbeiten, gehen sogenannten „Kontaktschranken“ einher: Zu viel Nähe ist für Betroffene nicht mehr ertragbar, obwohl sie eigentlich gewünscht wird.

Und außerdem: Was heißt es eigentlich krank zu sein? Nach dem psychoanalytischen Verständnis schließen sich die Begriffe Krankheit und Gesundheit nicht unbedingt aus. Es handle sich vielmehr um eine vielschichtige Analyse differenzierter Merkmale und Symptome. Teising warf das Publikum gleich mitten hinein in die Materie. Jenes schien die Mischung aus abgeklärter Fachsprache, unterhaltsamer Zitate Freuds und Anekdoten aus dem Leben eines Therapeuten, zu genießen.

Trotz all dieser faszinierenden Ergebnisse, die die Psychoanalyse hervor bringt, scheint sie nach und nach hinter Verhaltenstherapie und Medizin zu verschwinden. Diese Vorlesungsreihe könnte dem wunderbar entgegenwirken. Die angeregte Diskussion, die wahrscheinlich noch weit bis nach Vorlesungsschluss anhielt, bestätigt das zumindest.

Zu den weiteren Terminen der Vorlesungsreihe während des Semesters geht es hier.

Autor*in

FURIOS Redaktion

Unabhängiges studentisches Campusmagazin an der FU seit 2008

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