Eine Expertin aus drei Welten

Verónica Schild ist die erste internationale Gastprofessorin zum Thema Geschlechterfragen an der FU. Wer ist die kanadische Politikwissenschaftlerin? Ein Porträt von Mareike Edler

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Veronika Schild, die neue Gastprofessorin für Gender Studies. Foto: Mareike Edler

Durch die Fenster des Charlottenburger Cafés blickt man auf einen Spielplatz. Das Innere ist stilvoll und gemütlich eingerichtet. Veronica Schild, die seit letzter Woche die internationale Gastprofessur für Geschlechterfragen an der FU innehat, trägt kurzes Haar und Brille. Ihr freundliches Lächeln fällt sofort auf.

Schild ist Kanadierin und wurde in Chile geboren. Ihre Familie väterlicherseits hat deutsche Wurzeln. Als Jugendliche lebte sie in den USA, absolvierte einen Master in Philosophie und einen Doktor in Politikwissenschaft in Toronto, Kanada. Im Jahr 1988 nahm sie an einem Graduiertenkolleg zu Genderfragen an der FU teil. Die besondere Atmosphäre des Campus in Dahlem habe ihr schon damals gefallen, sagt sie. Deshalb freute sie sich besonders, als sie von der internationalen Gastprofessur erfuhr. Seit einem Jahr hat Schild als Mitglied des Forschungsnetzwerkes „DesinguALdades.net“ am Lateinamerikainstitut regelmäßigen Kontakt zur FU. Nun wird sie bis Ende Dezember an der FU lehren.

Sie freut sich auf die neue Aufgabe. „Ich mag das intellektuelle Engagement der Studenten an der FU“, sagt Schild. Zudem bewundert sie die sprachliche Offenheit der Universität. Sie werde ein Blockseminar zum Thema „Latin American Feminisms and the Reconfiguration of the State“ auf Spanisch und Englisch halten. In Kanada könnte sie das nicht machen. Dort müssten Seminare in der Landessprache angeboten werden. Daneben wird sie ein Kolloquium für Doktoranden anbieten. „Ich bin gespannt, wer zu den Veranstaltungen kommen wird“, meint Schild. Sie habe die Erfahrung gemacht, dass bei Gender- oder Feminismusfragen hauptsächlich Studentinnen im Hörsaal zu sehen seien. Dass ihre Professur keinem bestimmten Fachbereich zugeordnet ist, findet Schild sehr wichtig. Man könne Gender Studies nicht auf einen Fachbereich beschränken, sagt sie.

Der Blick von Innen

Im Zentrum ihrer wissenschaftlichen Arbeit steht der Begriff „Situated knowledge“: Die Annahme, dass Forschung immer aus einem bestimmten Blickwinkel heraus geschieht und deshalb nie neutral sein kann. Schild nutzt das als Bereicherung: In den Achtzigern begann sie zu feministischen Bewegungen in Chile zu forschen. Ein Schwerpunkt waren Frauen, die in Armut leben. „Ich frage mich immer, wie die Dinge aus der Sicht der Betroffenen aussehen“, beschreibt Schild ihr Vorgehen. Sie zieht den Blick von innen dem aus der wohlsituierten deutschen Forschungsgemeinschaft vor. „Auch im deutschen Sozialsystem gehören alleinerziehende Mütter zu den ärmsten Gruppen in der Gesellschaft“, analysiert Schild und sieht Parallelen zu den Ländern Lateinamerikas. Sie appelliert für einen Dialog auf Augenhöhe zwischen Forschenden unterschiedlicher Länder sowie Forschenden und Beforschten.

Persönlich fühlt sich Schild allen drei Welten zugehörig, deren Sprachen sie spricht: Der Welt Kanadas und der USA auf Englisch, der Lateinamerikas auf Spanisch und der Deutschen. Sie möchte auch ein Stück weit übersetzen zwischen den Sprachen, Kulturen und Blickwinkeln. Hinzu kommt der Aspekt der Gender Studies. Ziel der Gastprofessur sei es auch, dieses Thema an der Uni sichtbar zu machen. Besonderen Wert legt Schild auf den methodischen Ansatz, Frauen als Ausgangspunkt der Analyse zu nehmen.

Dass sie auf hohem, wissenschaftlichem Niveau eine klare Meinung vertritt, zeigte sich auch in ihrer Antrittsvorlesung vergangene Woche. Ein bunt gemischtes Publikum fand sich am Mittwochabend im Hörsaal A des Henry-Ford-Baus ein: Von Erstsemestern und Masterstudierenden bis hin zu Kollegen und Kolleginnen der Referierenden. Kritisch und – so hofft Schild – Gedanken anstoßend, setzte sie sich in ihrem Vortrag mit der Institutionalisierung des Feminismus im neoliberalen Staat auseinander. Sie fragte, was Autonomie bedeute, wie „Empowerment“ für marktwirtschaftliche Zwecke genutzt werde und ob das feministische Konzept der Autonomie überdacht werden müsse.

Nach 50 Minuten sind nicht alle Fragen beantwortet – eher wurden viele interessante Fragen aufgeworfen. Die angestoßenen Gedanken werden Schild sicherlich über die Zeit in Berlin begleiten.

Autor*in

FURIOS Redaktion

Unabhängiges studentisches Campusmagazin an der FU seit 2008

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