Mindestlohn lohnt sich nicht?

Eine aktuelle Studie der FU und des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung bezweifelt den Nutzen eines Mindestlohns. Die angehende Koalition verhandelt über dessen Einführung. Von Kim Mensing

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Stundenlöhne von nur fünf Euro sollten verboten sein, so die Befürworter des Mindestlohns. Illustration: Luise Schricker

Frankreich, Großbritannien, die Niederlande: Diese und weitere Mitgliedstaaten der EU haben per Gesetz längst eine untere Lohngrenze festgelegt. Deutschland gehört noch nicht dazu. Dabei ist das Thema für viele relevant: Laut dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung hätte bei einem Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde jeder fünfte Beschäftigte Anspruch auf eine Lohnerhöhung. In den nächsten Tagen wollen SPD und CDU bei den Koalitionsverhandlungen entscheiden, ob sie diese Forderung der Sozialdemokraten umsetzen werden.

Die Wirtschaftswissenschaftler Viktor Steiner von der FU und Kai-Uwe-Müller von Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) veröffentlichten nun eine Studie zum Thema. Ihr Ergebnis: Der Mindestlohn würde das Problem der Einkommensungleichheit in Deutschland nicht lösen.

In ihrer Studie berechneten Steiner und Müller mit Hilfe statistischer Daten die Auswirkungen des Mindestlohns auf die Einkommensverteilung. Dabei stützten sie sich auf die Annahmen, dass durch die Einführung der unteren Einkommensgrenze Verbraucherpreise steigen und Arbeitsplätze abgebaut werden. Die Berechnungen zeigen, dass diese Entwicklungen die individuellen Lohnerhöhungen wieder ausgleichen würden. De facto hätten Haushalte von Geringverdienern also nicht mehr Geld zur Verfügung.

Mehr als Statistik

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) kritisiert die Studie. Die statistische Methode der Wissenschaftler vernachlässige einige wichtige Aspekte. So beachteten die Autoren nicht, dass ein Mindestlohn die Staatskassen entlasten würde. Jetzige Geringverdiener, die meist nicht vom ihrem Geld leben können, müssten schließlich Hilfsleistungen beim Arbeitsamt beantragen. Auch die psychologischen Effekte einer besseren Bezahlung, wie zum Beispiel eine erhöhte Arbeitsmotivation und -leistung, fänden in der Studie keinen Platz.

Claudia Falk, Referentin der Mindestlohnkampagne des DGB: „In dieser Studie wird nicht erwähnt, dass die meisten Menschen froh wären, endlich nicht mehr als Bittsteller zum Amt gehen zu müssen, um dort in endlosen Formularen Hartz IV zu beantragen. Jeder sollte von seiner Hände Arbeit auch leben können.“

„Wissenschaft geht anders“

Auch kritisiert Falk, dass sich die Autoren der Studie auf fragwürdige Annahmen stützen. „Über Preiserhöhungen kann man keine genauen Berechnungen anstellen, da man nicht vorhersehen kann, inwieweit die Endverbraucher für steigende Kosten durch Lohnerhöhungen zahlen werden.“ Hier bestimme der Wettbewerb unter Firmen die Preise im erheblichen Maße mit. Außerdem würde ein Mindestlohn die Kaufkraft vergrößern. „Und wenn die Nachfrage nach Produkten steigt, könnten auch neue Arbeitsplätze entstehen“, so Falk.

In einer Pressemitteilung bringt der Gewerkschaftsbund seine Position schließlich auf den Punkt: „Es ist bedauerlich, dass sich das DIW zu den Bedenkenträgern des Mindestlohns gesellt. Wissenschaft geht anders.“

Autor*in

FURIOS Redaktion

Unabhängiges studentisches Campusmagazin an der FU seit 2008

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