Kulturreif: Ian McEwans „Honig“ | FURIOS Online

Kulturreif: Ian McEwans „Honig“

In Ian McEwans neuem Roman „Honig“ geht es um Literatur, Sex und Spionage im England der 1970er Jahre. Eine unerfahrene Agentin gerät ins Getriebe des britischen Geheimdienstes. Von Silvana Briebsch

.... Illustration: Luise Schricker

Die vier Granden der schönen Künste: Bob Marley, Johann Wolfgang von Goethe, Woody Allen und William Shakespeare. Illustration: Luise Schricker

In unserer Serie „Kulturreif“ besprechen wir das Neueste aus Literatur, Film, Theater und Musik.
Teil 1:
Ian McEwans Buch „Honig“:

Tom Haley kann sein Glück kaum fassen: Eine junge Frau bietet ihm ein Stipendium für seinen ersten Roman. Was er nicht weiß: Sie handelt im Auftrag des britischen Geheimdienstes. Mit dieser Konstellation dringt der englische Bestsellerautor Ian McEwan tief in die Geschehnisse des Kalten Krieges ein.

Frisch von der Uni bekommt Serena Frome eine Stelle beim britischen Geheimdienst MI5. Für ihren ersten Fall schickt ihr Chef sie in den „Kulturkrieg“, wie er es nennt. Die Operation „Honig“ finanziert junge Schriftsteller mit konservativer Einstellung – so will der MI5 verdeckt kommunismuskritische Haltungen in der Öffentlichkeit stärken. Serena bekommt den Schriftsteller Tom Haley zugeteilt und verliebt sich in ihre Zielperson. Das Dilemma zwischen Berufs- und Privatleben ist eröffnet.

Als Rückblende erzählt Serena ihre eigene Geschichte, dabei berichtet sie präzise und nüchtern. Doch die Sprache scheint zu abgeklärt für die naive Erzählerin. Zum einen liegt das am zeitlichen Abstand, zum anderen ist es auch der komplexen Erzählsituation geschuldet, die sich erst nach der Lektüre des Romans offenbart.

Als Frau in einer Männerwelt9783257603415

Agentin Frome lebt in einer männerdominierten Welt. Ihre Meinungen und ihren Job verdankt sie der Affäre mit einem älteren Professor, nur durch Fürsprache eines Vorgesetzten bekommt sie ihren ersten eigenen Auftrag. Am Ende regelt ihr Geliebter eine für sie ausweglose Situation.

Andere Einstellungen, wie die ihrer Hippieschwester, lehnt die Protagonistin ab: „Aber diese wenig glorreiche Revolution war nichts für mich. Ich wollte keinen Sexshop in jeder Stadt, ich wollte kein Leben, wie das meiner Schwester.“ Ihrer Abhängigkeit von Männern setzt Serena die Waffen der Frau entgegen. Dabei wünscht man ihr, dass sie offener Verantwortung für das eigene Leben übernimmt. Andererseits macht dieser Mix aus Fremdbestimmtheit und sexuellem Selbstbewusstsein sie zu einer ambivalenten Figur.

Die Mission scheitert

„Honig“ ist ein Spionageroman, aber er lebt nicht von Verfolgungsjagden und Actionszenen. Gleich auf der ersten Seite wird klar, dass Serenas Auftrag scheitern wird: „Ich heiße Serena Frome […] und vor knapp vierzig Jahren wurde ich vom britischen Nachrichtendienst auf eine geheime Mission geschickt. Sie ging nicht gut aus.“ Trotz dieser Ankündigung baut der Roman eine subtile Spannung auf. Der Leser will wissen, wie und warum das Projekt „Honig“ misslingt. Am Ende wirft der überraschende Schluss ein neues Licht auf den ganzen Roman – McEwans Auflösung der Geschichte ist grandios und macht Lust auf eine erneute Lektüre.

Honig
Autor: Ian McEwan
Verlag: Diogenes
Preis: 22,90 Euro

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