Kulturreif: Harold Baers „The Love Police“

In der Dokumentation „The Love Police“ von Harold Baer geht es um Charlie Veitch, der mit Megaphon und einer ordentlichen Menge Sarkasmus öffentlich das System hinterfragt. Von Lisbeth Schröder

.... Illustration: Luise Schricker

Vier Kulturgrößen: Bob Marley, Johann Wolfgang von Goethe, Woody Allen und William Shakespeare. Illustration: Luise Schricker

In unserer Serie „Kulturreif“ besprechen wir das Neueste aus Literatur, Film, Theater und Musik.
Teil 2:
Harold Baers Film „The Love Police“:

Bei den meisten der Studenten würden die Eltern in einem Telefonat Fragen stellen wie „Na, wie läuft die Uni?“ oder „Hast du heute schon genug gegessen?“ Bei Charlie Veitch ist das anders. „Wurdest du in letzter Zeit verhaftet?“ fragen ihn seine Eltern. „Nein, schon seit zwei Wochen nicht mehr“, scherzt er. Die Sorge um ihn ist nicht so unbegründet, wenn man sich das Treiben des Ex-Bankers anschaut: Seit 2009 steht er in den Fußgängerzonen oder ist bei Protesten dabei und zückt das Megaphon, um zu protestieren.

Es dreht sich vor allem um Fragen der Autorität, der Selbstbestimmung und des Informationsflusses, den die Menschen nicht oft genug hinterfragen würden. Veitch lebt hauptsächlich in London und führt dort seine Aktionen durch. Er war auch in Cambridge, um den Studentenprotest zu unterstützen, in New York auf dem Times Square oder beim G20-Gipfel in Toronto. Videos von den Aktionen kann man auf seinem YouTube-Channel sehen.Er agiert nicht als Wutbürger, sondern ruft lieber ironische Sprüche wie „everything is o.k.“, welcher zum Leitsatz seiner „Love Police“ wurde, der Gruppe um Veitch.

Für die Liebe

Neben seiner kritischen Aktivität versucht er so viel Liebe wie möglich zu verbreiten: so verteilt er immer wieder „freie Umarmungen“ und ruft in New York den „Glückszug“ aus. Er animiert die Leute im Zugabteil, für Eingestiegene zu klatschen.

Zwischendurch verlässt ihn ein paar Mal die Kraft: „Ich fühle mich wie ein Heuchler, wenn ich von Liebe und Frieden predige, wenn ich selbst davon nichts fühle“, sagt er in einem bedrückenden Moment eines Ausstiegs. Am Ende des Films beschließt er ganz auszusteigen und vergibt die letzten sieben Megaphone an Menschen, die den Protest weiterführen sollen.

Der Strang zur Realität

The Love Police wurde aus vielen selbst mit der Hand gedrehten Filmausschnitten und späteren Interviews zusammengefügt, der Film wirkt authentisch. Zudem wird eine Verbindung zu realen Geschehnissen hergestellt. Charlie Veitch hat dem Film die Hauptsammlung an Material gestellt, deswegen ist der Film ein wenig einseitig: Gegner Charlie Veitchs kommen nicht so sehr zur Sprache wie seine Befürworter.

Trotzdem ist die Geschichte spannend und regt zum Nachdenken über die eigene Freiheit an: Wie fest steckt man schon in der eigenen unbedachten Routine, ohne es zu bemerken? Kann man wirklich überall seine Meinung äußern, wenn man sich danach fühlt? Charlie Veitch kritisiert, dass er seine Freiheit nicht so nutzen kann, wie er möchte. Die Polizei legt ihm viele Hindernisse in den Weg, wobei die meisten seiner Aktionen legal sind. Damit ist er eine von vielen Symbolfiguren für die freie Meinungsäußerung und den friedlichen Widerstand, obwohl er selber fast ein ganz normaler Bürger ist.

The Love Police
Regisseur: Harold Baer
Spielzeit: 100 Minuten
In Berlin läuft der Film in den Kinos Lichtblick und Sputnik.

Autor*in

FURIOS Redaktion

Unabhängiges studentisches Campusmagazin an der FU seit 2008

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