Generation Einhorn

Unsere 22-jährige Autorin besucht eine Philosophie-Vorlesung – und trifft dort auf ein ganz ungewöhnliches Publikum. Eine Feldstudie. Von Sophie Krause

GLOSSE FINAL I

Illustration: Robin Kowalewsky

Gelegentlich gerät man an der FU in sonderbare, gar märchenhafte Situationen – fachbereichsunabhängig und immer dort, wo man sie am wenigsten erwartet. Von einem Erlebnis möchte ich hier erzählen. Es war einmal … eine gewöhnliche Philosophievorlesung.

„Ich freue mich, Sie alle wieder hier begrüßen zu dürfen“, empfängt Professor Holm Tetens den nahezu vollbesetzten Hörsaal. „Ich bin jetzt einer von Ihnen. Ich bin letzte Woche 65 geworden.“ Schallendes Gelächter und Applaus bis in die letzten Reihen. Der graumelierte Philosophieprofessor hat es auf den Punkt gebracht: Ergraute Köpfe zieren die Sitzreihen. Sein Publikum besteht zu rund neunzig Prozent aus älteren, offenbar gut situierten Gasthörern. Ich unterdrücke ein ungläubiges Augenreiben. An einem Ort, an dem man primär den Anblick junger, verschlafener Gesichter erwartet, sitzen nun hauptsächlich Menschen im Rentenalter. Bei genauerem Hinsehen sind – vereinzelt – ein paar Studenten, also junge Studenten, auszumachen. Sie wirken jedoch längst nicht mehr beeindruckt von ihrer Umgebung, sei es aus Resignation oder aus Gleichgültigkeit.

Vorlesung als Kaffeekränzchen

„Meisterargumente der Philosophie“ lautet der Titel von Tetens Vorlesung im Hörsaal 2 der Rostlaube. Wesentliche Argumente zu zentralen Problemen der Philosophie sollen darin kritisch besprochen werden. Dem großen Publikum nach zu urteilen ist der Dozent allseits beliebt.

Während er Kant und Descartes unter die Lupe nimmt, herrscht eine völlig abstruse Atmosphäre im Hörsaal. Es ist warm und riecht nach Kaffee und Kuchen. Trotzdem spürt man förmlich die stille Konzentration des Publikums, wenn Tetens spricht. Hier und da ein paar Notizen und ein einverständiges Nicken, keine Smartphones oder Tablets weit und breit, nur selten ist ein unterdrücktes Gähnen zu erahnen. Ich fühle mich, als hätte ich auf einem stinknormalen Waldspaziergang plötzlich eine Herde silberner Einhörner entdeckt. Sollte ich sie tatsächlich gefunden haben, die perfekten Studenten? Hier, im Hörsaal 2 der Rostlaube?

Ungehinderte Gedankenentfaltung

Ich beschließe, dem Wunder auf den Grund zu gehen. Den Ausführungen eines Einhorns, ich meine, einer gesprächigen Gasthörerin zufolge sind die Damen und Herren vor allem aus persönlichem Interesse hier. Man wolle sich weiterbilden und auch im Alter auf intellektueller Ebene nicht stehen bleiben. Studieren halte geistig fit, sagt sie, und wer 1946 eingeschult wurde, habe das Privileg höherer Bildung oftmals nicht genießen können. Außerdem, so die freundliche Dame, sei es zu Hause „fürchterlich langweilig“.

So ist das also. Nach einer Vorlesung in Gesellschaft dieser verloren geglaubten Spezies muss ich sagen: Ich bin verzaubert. Die Atmosphäre ist wirklich ungewöhnlich angenehm. Die Möglichkeit der ungehinderten, konzentrierten Gedankenentfaltung, die eigentlich jede Vorlesung bieten sollte: Hier wird sie Realität. Allerdings sollte man im Märchenland nicht versuchen, seine geistige Höhenflüge auf dem Laptop für die Nachwelt festzuhalten. Einhörner, so stellt sich heraus, haben empfindliche Augen. Kaum aufgeklappt, kommt ein höflicher, aber direkter Hinweis von einer Dame aus der hinteren Reihe: Das Gerät solle während der Vorlesung ausbleiben. Es blende.

Autor*in

FURIOS Redaktion

Unabhängiges studentisches Campusmagazin an der FU seit 2008

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