Wider den Sprachpurismus

Die Nachsilbe „-gate“ ist der Anglizismus des Jahres 2013. Vom „Dirndl-„ bis zum „Handy-Gate“, mehr als ein Dutzend Mal verwiesen die deutschen Medien im letzten Jahr auf den berühmten „Watergate-Skandal“. Von Julian Daum

Die Anglizismen der letzten Jahre. Illustration: Luise Schricker.

Die Anglizismen der letzten Jahre. Illustration: Luise Schricker.

Nach „leaken“, „Shitstorm“ und „Crowdfunding“ gesellt sich nun die Nachsilbe „-gate“ in die Reihe der Anglizismen des Jahres. Im Gegensatz zu eher belustigenden Abstimmungen wie etwa dem „Jugendwort“ oder anderen oftmals sinnentfremdeten „-des-Jahres-Wahlen“, verfolgt die Jury des Anglizismus-Awards durchaus ein hehres Ziel: Die Aktion soll „dem Kulturkonservativismus, mit dem Lehnwörter sonst diskutiert werden, eine positive Sicht von Entlehnung als Spiegel gesellschaftlichen Wandels entgegen setzen“, so der Initiator Anatol Stefanowitsch, Professor für englische Sprachwissenschaft an der FU. Die Wandlungsfähigkeit der deutschen Sprache soll also als Chance, nicht etwa als sprachverhunzende Gefahr wahrgenommen werden. Im Gespräch mit FURIOS erklären Stefanowitsch und Susanne Flach, Mitarbeiterin am Institut für englische Philologie, was eine „positive Sicht auf Entlehnung“ genau bedeutet.

FURIOS: Die Wahl zum „Anglizismus des Jahres“ steht in einer ganzen Reihe jährlicher Wortküren: Das „Wort des Jahres“, das „Unwort des Jahres“ oder gar das „Jugendwort des Jahres“. Weshalb wählt man überhaupt ein Wort aus und stellt es gegenüber anderen besonders heraus?

Anatol Stefanowitsch: Was all diese Wahlen gemeinsam haben, ist, dass sie auf bestimmte Arten von Sprachverwendung in der Öffentlichkeit aufmerksam machen wollen. Beim „Unwort des Jahres“ etwa geht es um politische Euphemismen. Beim „Wort des Jahres“, das von der Gesellschaft für deutsche Sprache vergeben wird, geht es darum, einmal im Jahr die deutsche Sprache zu feiern. Gerade einzelne Wörter, über die man reden und diskutieren kann, sind hierfür ein schöner Anlass.

FURIOS: Worauf wollen Sie also mit dem „Anglizismus des Jahres“ aufmerksam machen ?

Susanne Flach: Wir wollen zeigen, dass Lehnwörter keinesfalls die deutsche Sprache verderben, sondern etwas ganz normales sind und die Sprache bereichern. Die Entlehnung von Wörtern ist etwas, das immer und überall stattfand und stattfindet, in allen Sprachen. Wir wollen damit diesen kulturpessimistischen Ansatz kritisch überdenken.

FURIOS: Welche Kriterien muss der gewählte Anglizismus konkret erfüllen?

Susanne Flach: Zunächst einmal muss es ein Lehnwort sein und englisches Sprachmaterial enthalten. Das heißt, das Englische muss als solches noch erkennbar sein. So nehmen wir etwa Lehnübersetzungen (Begriffe, die zwar aus anderen Sprachen stammen, aber im betreffenden Sinnzusammenhang in die zu entlehnende Sprache übersetzt werden, Anm. d. A.) nicht mit in die Auswahl. Darüber hinaus muss es in dem Zeitraum vor der Wahl eine breitere und häufige Verwendung gefunden haben. Sollte sich das Wort schon länger im Sprachgebrauch befinden, muss es in diesem Zeitraum einen deutlichen Schub in Verwendung und Verbreitung erfahren haben. Zu diesen harten Kriterien kommt noch ein eher subjektives hinzu: Wir wollen ein Wort finden, an dem besonders deutlich wird, dass der deutsche Wortschatz dadurch bereichert wird.

FURIOS: Inwiefern erfüllt nun „-gate“ diese Kriterien?

Anatol Stefanowitsch: Lehnwörter sind nur in den seltensten Fällen exakte Kopien der entsprechenden Wörter in der Ursprungssprache. Sie erhalten häufig neue Bedeutungen und werden in die Grammatik der Sprache eingefügt. „-gate“ und andere Vor- und Nachsilben gehen einen Schritt weiter: Sie integrieren sich vollständig in das Sprachsystem und stehen dann zur Bildung beliebiger neuer Wörter zur Verfügung. Dabei tendiert „-gate“ im Deutschen dazu, eher triviale Skandälchen zu benennen, kann aber – siehe „Handy-Gate“ oder „Dirndl-Gate“ – nach wie vor auch schwerwiegenden Affären einen Namen geben.

Zweit- und drittplatzierte Wörter in diesem Jahr sind das als Vorsilbe benutze Wort „Fake-„ und das durch die Enthüllungen Edward Snowdens stark verbreitete Wort „Whistleblower“. Letzteres entschied die Publikumswahl für sich.

Mehr über die Anglizismen der letzten Jahre erfahrt ihr hier.

Autor*in

FURIOS Redaktion

Unabhängiges studentisches Campusmagazin an der FU seit 2008

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