Nein zum Semesterticket

Im Herbst können die FU-ler wieder über das Semesterticket abstimmen. Valerie Schönian findet, wir sollten es verwerfen. Nur so bekommen wir eine starke Handlungsposition gegenüber dem VBB.

 

montagskommentar_editedWahl ist nicht gleich Wahl. Das zeigt die ganze Misere um das Semesterticket. Theoretisch können die Studierenden bei der Urabstimmung im kommenden Herbst ihre Stimme abgeben. Praktisch jedoch, ist alles schon entschieden. Die Studierenden wollen das Ticket, egal zu welchem Preis. Das weiß auch der Verkehrsbund Berlin Brandenburg (VBB). Und da fängt das Problem an.

Seit Jahren steigen die Preise. Im Sommersemester 2007 zahlten die Studierenden noch 149,50 Euro für das Ticket, heute sind es 179,40 Euro. Trotzdem stimmten vor drei Jahren 96,5 Prozent für das Ticket, die Wahlbeteiligung lag bei 27 Prozent. Zum Vergleich: Bei der Wahl des Studierendenparlamentes im Januar waren es nur 8,28 Prozent.

Die Pistole auf der Brust

Es ist verständlich, dass die Studierenden das Ticket wollen. Ein VBB-Umweltticket kostet für den A-, B- und C-Bereich monatlich 97 Euro. Dagegen scheinen die derzeit vom VBB geforderten 193,80 Euro pro Semester wie geschenkt. Ein Geschenk ist es aber ganz und gar nicht, sondern eine Pistole auf der Brust. Die Optionen sind: Entweder die Studierenden kaufen das teurere Semesterticket vom VBB. Oder sie lassen es – und zahlen noch mehr.

Die „Vereinbarung preisgünstiger Benutzung der Verkehrsmittel des öffentlichen Personennahverkehrs“ ist Aufgabe der Studierendenschaft. So steht es im Berliner Hochschulgesetz. Einer Vereinbarung sollte aber eine Verhandlung vorausgehen, zwischen ebenbürtigen Gesprächspartnern. Das funktioniert nicht, wenn die eine Seite gezwungen ist, der anderen derart aus der Hand zu fressen.

Was die Studierenden vergessen: Der VBB will das Ticket genauso. Es ist ein Millionengeschäft. Aus einer Anfrage der Berliner Piraten-Fraktion geht hervor, dass sich 46 Hochschulen in Berlin und Brandenburg an dem Semesterticket beteiligen. Laut den Semesterticketbeauftragten der Hochschulen sind das insgesamt 200.000 Studierende, an die auf einen Schlag das Ticket verkauft wird. In der Anfrage heißt es weiter, dass die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) im Jahr 2012 mit dem Ticket mehr als 26 Millionen Euro, die S-Bahn mehr als 14 Millionen Euro einnahmen. Das lässt sich der VBB nicht einfach so entgehen.

Es braucht ein Druckmittel

Wie viel Verlust der VBB ohne das Semesterticket machen würde, bleibt Spekulation. Dass dies ohne finanzielle Einschnitte einhergehen würde, ist jedoch kaum vorstellbar. Egal, was die Vertreter sagen. Momentan müssen alle Studierenden das Ticket kaufen, denn es funktioniert nach dem Solidarprinzip. Ohne diesen Zwang würden Studierende sicher Wege finden, ohne Fahrschein von A nach B zu kommen: Fahrrad, Auto oder sie fahren eben schwarz. In der vorlesungsfreien Zeit sind sowieso nicht alle auf das Ticket angewiesen.

Die Studierenden müssen sich bewusst machen, dass auch sie eine starke Position haben. Das sollten sie dem VBB zeigen, indem sie im Herbst mit Nein stimmen. Ja, es wird erst einmal teurer und nein, die Preise sind nicht leicht zu stemmen – aber langfristig ist es die bessere Möglichkeit. Wenn die Studierenden jetzt nicht stopp sagen, knacken wir in nicht einmal fünf Jahren die 200-Euro-Marke. Sie sollten ernst machen und sich ihre Stimme zurückholen. Damit sie wieder eine Wahl haben.

Autor*in

FURIOS Redaktion

Unabhängiges studentisches Campusmagazin an der FU seit 2010

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6 Responses

  1. Yumi sagt:

    Na ja. Es ist ja alles schön und gut. Aber welche Alternative bietest du denn ? Kannst du dir ein teures Monatsabo leisten?
    Und was ich mich frage – warum müssen alle Studenten ein Semesterticket haben ? Wie ist es mit denen, die lieber Fahrrad fahren, als die Öffis nutzen?
    Ich finde, dieses Nein-sagen um des Nein-sagens-willen irgendwie dämlich – weil eine Lösung des ganzen Semesterticketproblem ist es garantiert NICHT.

  2. Lukas sagt:

    Schöne Illusion, aber an der Realität vorbei, denn die Strategie ist in der Vergangenheit schon mehrfach nicht aufgegangen. Auto haben die wenigsten, Fahrrad ist wetterabhängig (und Berlin im Zweifel zu groß) und dass sich verstärkte Kontrollen auf der U3 dann lohnen, das wird wohl auch die BVG verstehen. Wie der Verfasser richtig analysiert: Die Studierenden haben kein Druckmittel.

  3. Ralf Kamman sagt:

    Eine äußert fahrlässige Einstellung. Es stellt sich mir wirklich die Frage ob du nicht unter einer liberalen Weltsicht leidest und deine sog. ‚Freiheit‘ durch das Solidarmodell eingeschränkt siehst.

    Hättest du gründlich recherchiert (z.B. mit Google), hättest du herausgefunden, dass der Versuch mit ‚Nein‘ zu stimmen schon 2004 nicht aufging:
    http://www.polsoz.fu-berlin.de/kommwiss/service/stud-einrichtungen/ini/archiv/hochschulpolitik/ini-semtix/index.html#c2330
    Das hat nur zu einem Semester teurem Bahnfahren für alle Studis geführt.

    Wem es ernst mit einem günstigen Semesterticket ist, der_die sollte Druck auf die Fraktionen im Senat ausüben, damit die sich für die Belange der Studierenden einsetzen. Die Studierendenschaft selber hat leider nicht die Möglichkeit alleine ein günstiges Semesterticket durchzusetzen. Ein ‚Nein‘ bei der Urabstimmung belastet nur das Portemonnaie der Studierenden. Nach Ablehnung werden alle im folgenden Semester dankbar für die Erhöhung stimmen. Du Argumentiert hier nur für das Interesse der Studierenden die eh jeden Morgen mit Papis BMW zur Uni fahren.

  4. Langzeitstudent sagt:

    Der VBB muss übrigens einen Preis fordern, der insgesamt genau den Einnahmen entspricht, die er hätte, wenn es kein Semesterticket gäbe. Darum ist die Argumentation des Artikels über finanzielle Einschnitte und Millioneneinnahmen eigentlich keine.

  5. Kommunikationswissenschaftler sagt:

    Die Argumentation ist schon richtig. Um über einen vernünftigen Preis verhandeln zu können, dürfen wir nicht jedem Preis bedingungslos zustimmen.

  6. MA sagt:

    „Ja, es wird erst einmal teurer und nein, die Preise sind nicht leicht zu stemmen – aber langfristig ist es die bessere Möglichkeit.“ – „S’ils n’ont pas de pain, qu’ils mangent de la brioche.“ -> schlecht recherchiert und zu kurz gedacht.

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