Lautloser Diskurs

Kann jeder gleichberechtigt an der Gesellschaft teilhaben? Ein Themenabend am OSI beschäftigt sich mit der Sprachbarriere zwischen Hörenden und Gehörlosen – im Alltag und in der Politik. Von Friederike Werner

Im Gespräch: Dolmetscherin (v.l.), Moderatorin Olga Rogachevskaya, Jürgen Schneider, Katja Fischer, Martin Zierold. Foto: Friederike Werner
Im Gespräch: Dolmetscherin (v.l.), Moderatorin Olga Rogachevskaya, Jürgen Schneider, Katja Fischer, Martin Zierold. Foto: Friederike Werner

„Stellen Sie sich vor, Sie fahren ins Ausland und müssen sich dort irgendwie verständigen.“ So beschreibt Katja Fischer die Sprachbarriere, die für taube Menschen alltäglich ist – eine Barriere, die „ein Leben lang bestehen bleibt“. Fischer ist selbst gehörlos und an diesem Donnerstagabend am Otto-Suhr-Institut Referentin bei der Veranstaltung „Gehör verschaffen“, einem Themenabend zur Welt der Gehörlosen, organisiert von der tauben FU-Studentin Swantje Marks.

Swantje studiert Soziologie an der FU. An vielen Veranstaltungen außerhalb des Lehrplans kann sie nicht teilnehmen, weil sie ausschließlich für die hörende Mehrheit ausgelegt sind. Sie beschloss, eine Veranstaltung zur Gebärdensprach-Kultur zu organisieren – für Hörende und Gehörlose. Am Tag der Veranstaltung besteht dann aber nur ein Viertel der Besucher aus Hörenden. Sie setzen sich auf die linke Seite des Raumes, die Gehörlosen auf die rechte. Als Fischer ihren Vortrag beginnt, fällt ihr die räumliche Trennung auf. Doch sie bezieht alle ein und bricht das Eis. Die Hörenden sollen schätzen, wie viele taube Deutsche es gibt und liegen mit 5 Prozent deutlich über dem realen Wert von 0,01 Prozent.

An der Gesellschaft teilhaben

Während die Referenten ihre Vorträge gebärden, übersetzen zwei Dolmetscherinnen in Lautsprache. Der Applaus ist geräuschlos – in Gebärdensprache bekundet man Beifall, indem man die Hände über dem Kopf hin und her schüttelt. Eine Geste, die auch die Hörenden sofort verstehen. Nach einer Einführung in das Thema Gehörlosigkeit spricht Fischer auch die Hürden für taube Kinder im Bildungssystem und das Problem der Stigmatisierung an. Ihr sei es wichtig, dass Dolmetscher nicht als „Helfer der Gehörlosen“ gesehen werden. Sie seien lediglich Vermittler zwischen zwei Sprachen, der Lautsprache und der Gebärdensprache.

Der zweite Referent des Abends ist Martin Zierold, gehörloser Abgeordneter der Grünen in der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) Berlin-Mitte. Er spricht über politische Partizipation. Zwar bemühe man sich in der Politik um Barrierefreiheit, doch die Gehörlosen würden dabei oft übersehen. In der BVV setzt sich Zierold seit 2011 für die Belange tauber Menschen ein. Sein Motto lautet „Inklusion statt Integration“: Gehörlose sollen in vollem Umfang an der Gesellschaft teilhaben können, sich ins Gespräch einbringen. Er fordert Dolmetscher bei öffentlichen politischen Veranstaltungen sowie Barrierefreiheit bei Bürgerinitiativen und Wahlkampagnen.

Nur eine Stimme unter vielen

Bei einer Podiumsdiskussion werden die zuvor angesprochenen Themen vertieft. Jürgen Schneider, Landesbeauftragter für Menschen mit Behinderung in Berlin, kommt mit den Referenten ins Gespräch. 2008 trat die UN-Kovention über die Rechte von Menschen mit Behinderung in Kraft, die ihnen eine gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zusichert. Seitdem habe sich einiges verbessert, doch bei der Durchsetzung von Barrierefreiheit fehle es vor allem an einem – finanzieller Unterstützung.

Das Publikum wirft weiterhin die Frage auf, wie die kleine Gruppe der Gehörlosen ihre Bedürfnisse effektiv einbringen könne – die wenigen tauben Politiker könnten schließlich nicht jedem Gremium beiwohnen und hätten nur eine Stimme unter vielen. Zierold bestätigt die Schwierigkeiten: „Wenn ich mal nicht zu einer Sitzung komme, werden die Anliegen der Gehörlosen schnell vergessen.“ Trotzdem sei es wichtig, Präsenz zu zeigen und Bewusstsein zu schaffen.

Am Ende des Abends reflektiert Swantje die Veranstaltung mit gemischten Gefühlen. „Es ist schade, dass so wenig Hörende gekommen sind“, sagt sie, „aber es ist ein erster Schritt“. Sie sei froh über jeden, den sie mit der Veranstaltung erreicht hat. „Mein Wunsch ist es, diese beiden so weit entfernten Welten einander näher zu bringen“, erklärt Swantje. Sie möchte in Zukunft weitere Veranstaltungen zum Thema Gehörlosigkeit organisieren – wenn es die finanziellen Mittel zulassen.

Autor*in

FURIOS Redaktion

Unabhängiges studentisches Campusmagazin an der FU seit 2008

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