Wir und der Krieg

Am Maxim-Gorki-Theater widmen sich die Schauspieler ihrer eigenen Vergangenheit. Im Doku-Drama „Common Ground“ erzählen sie von ihren Erinnerungen an die Balkan-Kriege und von einer Reise dorthin. Von Maik Siegel

Zusammen in der fremden Heimat: Die Doku-Darsteller vom Gorki. Foto: Thomas Aurin

Zusammen in der fremden Heimat: Die Doku-Darsteller vom Gorki. Foto: Thomas Aurin

Die neunziger Jahre im Rückblick: Menschen jubeln auf der Mauer, Massen tanzen im Techno-Wahn, Deutschland schießt sich zum Europameister. So sah es zumindest hierzulande aus. An anderen Orten in Europa dagegen ähnelten die Ereignisse denen, die man überwunden geglaubt hatte: Nachbarn verraten einander, Länder fallen wie Wölfe übereinander her, Soldaten begehen einen Genozid. Die Rede ist von den Kriegen auf dem Balkan, genauer auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawiens.

Das Ende der Geschichte, wie es Fukuyama nach dem Ende des Kalten Krieges prophezeit hatte, wurde in Srebrenica, im Kosovo, in Serbien Lügen gestraft. Konflikte, so undurchschaubar, dass sie bis heute niemand wirklich erklären kann – und so bleiben die übrig, die mit ihren Erinnerungen leben müssen. Einige von ihnen zog es nach Berlin, wo sie heute als Schauspieler am Maxim-Gorki-Theater arbeiten. Die Regisseurin Yael Ronen, als Israelin selbst bestens vertraut mit verworrenen Konflikten, versammelte die sechs jugoslawischstämmigen Mitglieder des Ensembles und reiste mit ihnen für eine Woche nach Bosnien, um dem Unbeschreiblichen auf persönlicher Ebene zu begegnen. Das Resultat dieser Reise heißt „Common Ground“.

Geschichten aus dem Krieg

Das Stück entsagt fast aller Fiktion. Die Darsteller spielen sich selbst, erzählen nach, wie sie ihre Kindheit im Bürgerkrieg erlebten, wie sie aus ihrer Heimat flohen und wie sie auf der gemeinsamen Reise schließlich zurückkehrten. Da ist Jasmina Musić, deren Vater während des Krieges entführt wurde und auf dessen Rückkehr sie noch Jahre später hoffte. Vernesa Berbo, die zur Zeit der Kriege schon erwachsen war, erzählt von ihrem Hund Vanga, den sie laufen lassen musste, weil sie selbst nicht mehr genug zu essen hatte. Und da ist Alexander Radenković, der auf der gemeinsamen Reise seine serbische Herkunft mit wachsender Schuld zu spüren beginnt und schließlich seinen Wutausbruch nachspielt: Ihn treffe doch keine Schuld an serbischen Kriegsverbrechen, warum aber fühle er sie trotzdem – eine Problematik, die gerade in Deutschland keine unbekannte ist.

Betroffenheit macht sich breit, auf der Bühne und im Publikum, und das resultiert vor allem aus dem Dokumentationscharakter des Stückes: Hier wird kein konstruiertes Drama mit Plot und Höhepunkt gezeigt, keine Fiktion. Es ist die Glaubwürdigkeit, die den Abend so stark macht. Die Bühne mit ihren verstellbaren Holzkisten und die auf der Leinwand gezeigten Fotos aus den Nachrichten der 90er Jahre fallen dagegen schon fast etwas ab, auch wenn sie mit ohrenbetäubender Musik unterlegt sind. Stille Anekdoten sind hier mächtiger als das übliche Theatergedröhne.

Und der Deutsche macht Witze

Für leichtere Momente sorgt Niels Bormann, der einzige deutschstämmige Schauspieler. Auch er ist nach Bosnien gereist und geriert sich auf der Bühne als der neugierige, aber verständnislose Deutsche. Zu kompliziert sei dieser ganze Konflikt von serbischen Kroaten und kroatischen Serben, als Deutscher müsse er da doch mal eine Ordnung hineinbringen. So klischeehaft überzogen diese fettnäpfchensuchende Rolle auch ist, sie hilft, den Betroffenheitsgestus nicht allzu sehr zu strapazieren und zeigt ebenso die Absurdität der Konflikte. Schließlich aber haben sich die sieben Darsteller durch ihre Erlebnisse gekämpft – und werden mit Ovationen belohnt.

Autor*in

FURIOS Redaktion

Unabhängiges studentisches Campusmagazin an der FU seit 2008

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