Übersetzungen, die unter die Haut gehen

Anne Birkenhauer ist Übersetzerin für das Hebräische. Dieses Semester bekleidet sie die August-Wilhelm-von-Schlegel-Gastprofessur für Poetik der Übersetzung. Im Gespräch erzählt sie von den Herausforderungen ihrer Arbeit. Von Charlotte Steinbock. Antrittsvorlesung Anne Birkenhauer

Anne Birkenhauer hielt ihre Antrittsvorlesung im Jüdischen Museum Berlin. Foto: Tobias Bohm

„Anne Birkenhauers Übersetzungen gehen unter die Haut“, eröffnet Mirjam Wenzel vom Jüdischen Museum am 27.10.2014 die Antrittsvorlesung von Anne Birkenhauer. Ihr besonderes Sprachgefühl verdankt die Übersetzerin wohl ihrer persönlichen Beziehung zum Hebräischen. 1980 arbeitete sie als Freiwillige in Israel und lernte die Sprache dort auf der Straße. Sie sieht in der Tatsache, dass sie das Hebräische im Ohr hatte, bevor sie die Grammatik beherrschte, die Wurzel ihrer Begeisterung für die Sprache: „So ist mehr Erleben dabei. Oft lernt man die Konnotation, bevor man das Wort lernt“. Sofort verliebte sie sich in die Sprache und „die Schrift, die einen an nichts erinnert“, wie sie es gedankenverloren ausdrückt. Mittlerweile lebt die Übersetzerin seit vielen Jahren in Israel, ihrer zweiten Heimat: „Ich bin da eingewandert, aber hier nie ausgewandert.“

Alles, was Menschen schreiben, kann man übersetzen

Die ersten Übersetzungen fertigte sie für ihre Familie an, um ihnen zu zeigen, „was da für tolle Lyrik geschrieben wird“. Inzwischen übersetzt sie Texte aller Genres. Doch Lyrik und lyrische Prosa sind nach wie vor das, womit sie am liebsten arbeitet. Es reizt sie, die Grenzen beider Sprachen auszuprobieren und Wege zu finden, sie zu verfremden und zu entautomatisieren, um die ganz und gar eigene Sprache eines Autoren im Deutschen wiedergeben zu können. Obwohl sie dabei oft auf Hindernisse stößt, findet sie immer wieder Wege, Inhalt und Stimmung des Originals auszudrücken. Sie ist überzeugt: „Alles, was Menschen schreiben, kann man übersetzen. Weil es mit menschlicher Existenz zu tun hat.“

Bei ihren Übersetzungen ist ihr wichtig, dass sie glaubwürdig und innerlich stimmig sind: „Man merkt einem Text an, ob der Übersetzer mitgedacht hat oder nicht.“ Um die Wirkung des Originals auf den Leser mitübersetzen zu können, spielt sie mit der Sprache und nutzt Freiräume in der Übersetzung. Sie liebt die Reisen, auf die sie durch ihre Tätigkeit von verschiedenen Autoren geschickt wird: „Man muss sich in die entlegensten Themen einarbeiten und sich mit Stilen und Formen beschäftigen, die nicht die eigenen sind. Das klappt nur, wenn man mit Feuer und Flamme dabei ist.“ Bei ihrer Antrittsvorlesung erklärte sie anhand von Beispielen aus der eigenen Arbeit, wie der Umgang mit Anspielungen und Mehrstimmigkeit in einem Text aussehen kann.

Echos und Untertöne

Für Anne Birkenhauer, die an der Freien Universität Judaistik und Germanistik studiert hat, ist die Gastprofessur eine Rückkehr. Während ihres eigenen Studiums hat sie praktische Anteile vermisst, doch umso mehr freut sie sich, den Studenten nun genau diese Praxis bieten zu können. In diesem Semester bietet sie ein Seminar zu Echos und Untertönen in Übersetzungen an. Hierbei möchte sie vor allem für Unterschiede in der Mentalität und im Sprachdenken sensibilisieren, die für den Umgang mit dem Sprachenpaar Deutsch-Hebräisch von zentraler Bedeutung sind. Auch ohne Hebräisch-Kenntnisse können die Teilnehmer von ihr lernen, wie man einen Text und den Stil eines Autors in der Tiefe versteht, um ihn in der eigenen Sprache neu zu schreiben. Doch letztlich ist literarisches Übersetzen eine Kunstform, die nicht gelehrt werden kann, so Birkenhauer: „Das Handwerk kann man lernen, die Inspiration nicht.“

Autor*in

FURIOS Redaktion

Unabhängiges studentisches Campusmagazin an der FU seit 2010

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