„Die FU zahlt am schlechtesten“

Linda Guzzetti unterrichtet am Sprachenzentrum der FU. Sie setzt sich gegen das prekäre Beschäftigungsverhältnis der Lehrbeauftragten ein. Weshalb das nötig ist, erklärt sie Karl Kelschebach.

Linda Guzetti unterrichtet an der fU Italienisch und setzt sich für die Lehrbeauftragten ein. Foto:privat

Linda Guzetti unterrichtet an der fU Italienisch und setzt sich für die Lehrbeauftragten ein. Foto:privat

Nicht alle Lehrenden arbeiten zu den gleichen Bedingungen an der Freien Universität. Lehrbeauftragte etwa haben hier keine Festanstellung. Linda Guzzetti ist eine von ihnen, sie lehrt am Sprachenzentrum der FU Italienisch und arbeitet auch an anderen Unis. An der FU ist sie zusätzlich Vertreterin der Lehrbeauftragtem im Beirat. Sie ist an der Organisation eines bundesweiten Aktionstages der Lehrbeauftragten am Donnerstag, 6. November 2014, beteiligt. An dem Tag soll über die Arbeitsbedingungen der Lehrbeauftragten informiert werden und um Unterstützung geworben werden.

 

FURIOS: Frau Guzzetti, Sie sind Lehrbeauftragte am Sprachenzentrum der FU und gelten damit als „externe Expertin“. Was unterscheidet Sie von festangestellten Dozentinnen oder Dozenten?

Linda Guzzetti: In der Lehre nichts. Für die Studierenden macht es keinen Unterschied, welche Position die lehrende Person hat. Anders als Festangestellte sollten Lehrbeauftragte aber keine Verwaltungsaufgaben übernehmen.

FURIOS: Kommen Sie denn bei Ihrer Arbeit um die Verwaltungsaufgaben herum oder müssen Sie doch diese Arbeit erledigen, für die Sie gar nicht zuständig sind?

Guzzetti: Natürlich bleibt Verwaltungsarbeit nicht ganz aus. Das eigentliche Problem ist aber, dass wir Daueraufgaben übernehmen, dafür aber nicht angestellt werden. Eine Daueraufgabe ist alles, was regelmäßig gemacht wird – die Leitung von Sprachkursen, die an der FU zu vierzig Prozent von Lehrbeauftragten übernommen wird, gehört eindeutig dazu. Die Möglichkeit, angeblich „Externe“ zu geringer Vergütung zu beschäftigen, ohne Sozialbeiträge zu bezahlen, wird vom Arbeitgeber benutzt. So läuft die Personalpolitik an Hochschulen.

FURIOS: Trotzdem sind Lehraufträge heiß begehrt. Wie kommt das?

Guzzetti: Es gibt verschiedene Typen von Lehrbeauftragten. Zunächst sind da jene Lehrbeauftragte, für die diese Nicht-Beschäftigungsverhältnisse tatsächlich vorgesehen sind: Experten und Expertinnen aus der Wirtschaft oder dem öffentlichen Dienst, die ihre Praxiserfahrung in die Universitäten tragen. Sie haben neben ihrem Lehrauftrag meist eine ordentlich vergütete Anstellung.

FURIOS: Eine so bequeme Situation hat aber nicht jeder.

Guzzetti: Nein, es gibt darüber hinaus zahlreiche Lehrbeauftragte, die sich in der Qualifikationsphase befinden. Meist sind es Doktoranden und Doktorandinnen, die sich über Stipendien oder Drittmittel finanzieren. Sie wollen unterrichten, um zu lernen, wie man das macht, und um es in ihren Lebenslaufschreiben zu können. Doch sie sind in einer denkbar schwachen Position, da ihr Lehrauftrag meist von der gleichen Person vergeben wird, die auch die Promotion betreut. Ihre Lehraufträge werden zum Teil überhaupt nicht vergütet. Schließlich gibt es noch Leute wie mich, die von Lehraufträgen leben. Was bleibt uns anderes übrig? Begehrt sind die Lehraufträge aber auch, weil die Arbeit wirklich interessant ist.

FURIOS: Ihre Arbeitsbedingungen lassen zu wünschen übrig. Was fordern Sie, um das zu ändern?

Guzzetti: Die Hauptforderung ist: Dauerstellen für Daueraufgaben.

FURIOS: Halten Sie es für realistisch, die Universitätsleitung davon zu überzeugen?

Guzzetti: So etwas kostet Geld, das steht außer Frage. Die drei großen Berliner Universitäten haben aber ausreichend finanziellen Spielraum. Es kommt darauf an, wie sie sich entscheiden, ihr Geld zu nutzen. Die FU hat sich bislang nicht zugunsten der Lehrbeauftragen entschieden. Mit 25 Euro pro Stunde bezahlt ihr Sprachenzentrum von den Berliner Universitäten am schlechtesten. Immerhin steht eine schrittweise Gehaltserhöhung bis 2017 in Aussicht – pro Jahr ein Euro Stundenlohn mehr. Die TU zahlt jetzt schon mehr.

FURIOS: Wobei sich ja selbst 25 Euro erst einmal gar nicht übel anhören.

Guzzetti: Von diesem Geld gehen Renten- und Krankenkassenbeiträge zu 100 Prozent ab, da der Arbeitgeber nichts bezahlt. Zudem werden wir nur für die Zeit bezahlt, in der wir Unterricht erteilen. Es gibt aber eine Menge zusätzliche Arbeit, die nicht vergütet wird: Vorbereitungen, Tests, Betreuung der Studierenden, Online-Lehre, Korrekturen, Organisation und Koordination mit den Kolleginnen.

FURIOS: Haben Sie mal ausgerechnet, was Sie netto pro Stunde bekommen?

Guzzetti: Es ist schwer die Vergütung einer Arbeitsstunde zu ermitteln. Wir können sagen, dass sie bei einem Honorar von 20 bis 25 Euro zwischen 4 und 18 Euro schwankt, je nachdem wie viele Korrekturen und wie viel Vorbereitung notwendig sind.

FURIOS: Eine Gehaltserhöhung würde, wie Sie selbst sagten, Kosten verursachen. Welche Finanzierungsmöglichkeiten gibt es?

Guzzetti: Diese Frage können wir dem Land Berlin stellen. Es geht darum, wie man die Grundfinanzierung der Hochschulen garantiert. Wir brauchen eine angemessene Finanzierung.

FURIOS: Setzen wir eine Ebene tiefer an: Zeigen sich Sprachenzentrum und Präsidium kooperativ?

Guzzetti: Nein. Alles, was wir dem Sprachenzentrum abringen konnten, ist ein Raum für Lehrbeauftragte, auf den wir anderthalb Jahre warten mussten. Das Präsidium hat das Thema lange ganz ignoriert. Inzwischen versucht es, die Zahl unbezahlter Lehraufträge zu verringern – aber nicht, indem es die entsprechenden Lehrbeauftragten vergütet, sondern indem es sie gar nicht erst beauftragt.

FURIOS: Um auf diese Situation hinzuweisen, planen Sie, am sechsten November einen bundesweiten Aktionstag. Was haben Sie konkret vor?

Guzzetti: In Berlin werden wir an vielen Hochschulen durch Flyer und Transparente auf unsere Situation aufmerksam machen. Wir werden der zuständigen Senatsverwaltung eine Resolution mit unseren Forderungen überreichen. Die GEW und die Deutschen Orchestervereinigung werden eine Pressekonferenz veranstalten. Zudem gibt es lustige Aktionen von Musik- und Sprachlehrbeauftragten.

FURIOS: Glauben Sie, dass sich jemand für Ihren Aktionstag interessieren wird? Die Studierenden erfahren schließlich nicht viel von Ihrer Situation.

Guzzetti: Die Studierendenvertreter und -Vertreterinnen haben auf ihren Websites auf den Aktionstag hingewiesen. Verglichen mit den letzten Jahren – oder besser: Jahrzehnten – regt sich schon ein gewisses Interesse. Der Tagesspiegel und andere Zeitungen brachten Artikel über die Situation der Lehrbeauftragten. Allmählich wird klar: Es kann nicht so bleiben.

Autor*in

FURIOS Redaktion

Unabhängiges studentisches Campusmagazin an der FU seit 2010

Ähnliche Artikel

1 Response

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.