Poetische Elementarteilchen

In Haruki Murakamis Erzählband „Von Männern, die keine Frauen haben“ werden einsame Männer porträtiert und die Welt in männlich und weiblich geteilt – grundbanal und nur manchmal grandios. Von Friederike Oertel.

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Murakamis erster Band mit Kurzprosa seit sieben Jahren: Von Männern, die keine Frauen haben“. Foto: Friederike Oertel

„Kafuku war schon mit vielen Frauen im Auto mitgefahren. Er unterteilt sie grundsätzlich in zwei Typen: Die einen fuhren ihm zu waghalsig, die anderen zu vorsichtig. Zahlenmäßig überwogen – glücklicherweise – die letzteren.“ So beginnt die erste von sieben Erzählungen des jüngst erschienenen Kurzgeschichtenbandes des Schriftstellers Haruki Murakami „Von Männern, die keine Frauen haben“. Nach dem Epos „1Q84“ und „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“ legt der japanische Schriftsteller damit den ersten Band mit Kurzprosa seit sieben Jahren vor.

Ambivalenter Erzählfluss

Bereits der Anfang der ersten Kurzgeschichte liest sich so bipolar, wie der gesamte Erzählband. Zum einen gelingt es Murakami trotz glatter Textoberfläche und ohne Emotionalität mit nur wenigen Strichen seinen Protagonisten zu zeichnen. Er bringt ihn uns nahe, wie er neben Frauen im Auto sitzt – leise, distanziert, vielleicht sogar etwas ängstlich. Zum anderen steht Kafuku, der nur zwei Sorten von Fahrerinnen kennt, sinnbildlich für den gesamten Erzählband: Er teilt die Welt in männlich und weiblich, in Menschen, die zu zweit und diejenigen, die einsam sind.

Die ausschließlich männlichen Protagonisten der Erzählungen sind jene titelgebenden „Männer, die keine Frauen haben“. Die Frauen sind jedoch nicht im eigentlichen Sinne abwesend, sondern für das Unglück der Männer verantwortlich. So quält den Schauspieler und nunmehr Witwer Kafuku die Frage, wieso seine Frau ihn mit anderen Männern betrogen hat. Der Barbesitzer Kino gerät in eine Odyssee, nachdem er seine Frau in flagranti mit einem anderen Mann erwischt hat und der Schönheitschirurg Dr. Tokai verzehrt sich vor Liebe zur Unerreichbaren, an der er buchstäblich zugrunde geht.

Diffuse Unruhe stiftend

Trotz unterschiedlicher Herzensangelegenheiten haben die Männer viele Gemeinsamkeiten: Es sind eher farblose Charaktere mittleren Alters, selbstgenügsam, einsam und mit einem Hang zum Melancholischen. Einen aufregenden Plot bietet keine der Geschichten. Die Männer trinken in dunklen Jazz-Bars Whisky, sitzen in Schnellimbissen oder fahren mit rätselhaften Frauen Auto. Ihre nicht ausgelebte Leidenschaft akkumuliert sich nur in einer diffusen Unruhe, die aber niemals aus den Figuren herausbricht oder in einer Eskalation zu enden droht.

Es ist genau diese Kombination aus nüchterner Handlung, subtiler Provokation und angestauter Emotion, die den Leser zum Weiterlesen zwingen. Murakamis lakonische Art des Erzählens schafft es, den Blick sorgsam auf die haarfeinen Risse im Gleichmut der Figuren und ihrer glatten Realität zu lenken. Doch auch hier werden die Geheimnisse der poetischen Elementarteilchen nicht gelüftet – zurück bleibt lediglich eine leichte Nervosität.

Wer dem unterschwellig defensiven Erzählton standhalten kann, ohne auf ein Ende mit Antworten, Lösungen oder Denkanstößen zu hoffen, dem sei dieser Band ans Herz gelegt. Wer jedoch eine intellektuelle Herausforderung mit Tiefgang auf Meta-Ebene sucht, die über die Schwierigkeit eines Sudoku-Rätsels hinausgeht, sollte die Finger davon lassen.

 

Haruki Murakami: „Von Männern, die keine Frauen haben“
Dumont, 254 Seiten
EUR 19,99

Autor*in

FURIOS Redaktion

Unabhängiges studentisches Campusmagazin an der FU seit 2010

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