Schule der Zukunft

Offener Unterrichtvor der Zeit von Jörg Ramseger ein Fremdwort, mittlerweile in aller Munde. Kim Mensing hat den Bildungsforscher getroffen und nachgefragt, wie er die Schule von morgen sieht.

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Jörg Ramseger ist sich sicher, dass der „offene Unterricht“ den Grundstein für ein selbstbestimmtes Leben und Lernen bildet. Foto: Jörg Ramseger

In unserer Serie „Kluge Köpfe“ porträtieren wir interessante Wissenschaftler der FU. Teil 5: Jörg Ramseger, Bildungsforscher.

Die Sekretärin stellt drei Tassen mit passenden Untertassen auf den Besprechungstisch, dazu serviert sie schwarzen Tee. Was an eine Szene traditioneller britischer Teekultur erinnert, spielt an einem Ort fern von Traditionen und Rollenklischees: Hier, an der Arbeitsstelle Bildungsforschung Primarstufe der FU Berlin, entwickeln Jörg Ramseger und sein Team alternative, zukunftsweisende Unterrichtsmethoden. Der Professor ist nicht nur Leiter dieser Arbeitsstelle, sondern hat noch dazu einen Lehrstuhl am hiesigen Institut für Grundschulpädagogik inne. Für sein Lebenswerk wurde ihm 2014 der Erwin-Schwartz-Grundschulpreis verliehen.

Ramseger zählt zu den Mitbegründern des Lehrkonzepts „offener Unterricht“. Seine wissenschaftliche Laufbahn begann im Jahr 1979, als er zusammen mit anderen Forschern die Wartburg-Grundschule in Münster zu einer Ganztagsschule reformierte. Bis heute ist sie eine der fortschrittlichsten Schulen hinsichtlich des offenen und integrativen Unterrichts. Dieses Thema zieht sich durch Ramsegers gesamten Lebenslauf. Momentan begleitet er einen Schulversuch in Berlin, der integrativen Unterricht attraktiv machen möchte. Hintergrund dafür ist, dass kulturell durchmischte Schulen unter deutschstämmigen Eltern weniger begehrt sind – besonders ab einem Ausländeranteil von 30 Prozent. Das Ergebnis wird in zwei Jahren erwartet und soll helfen, die Schulen besser durchmischen zu können.

Offener Unterricht – Schüler schaffen Wissen

Trotz des hohen Workloads wirkt der Professor entspannt. Beim Thema Lernpsychologie wird das Gespräch allerdings angeregter: es führt zu der Leitidee, die hinter der Methode des offenen Unterrichts steckt. Als Beispiel dafür nimmt Ramseger ein aktuelles Projekt der Stiftung „Haus der kleinen Forscher“, an dem er selbst beteiligt ist. Das Projekt untersucht verschiedene Unterrichtsmethoden in den Naturwissenschaften an deutschen Schulen. Dazu geht Ramseger auch mal mit der Kamera vor Ort und filmt den Unterricht. Die bisherige Erfahrung dabei ist, dass den Kindern viele Experimente vorgesetzt werden, ohne dass diese überhaupt wissen, was sie da machen.

Darin sieht der Bildungsforscher wenig Lernpotenzial. Denn solange die Experimente von den Schülern nicht selber entwickelt werden, könnten sie deren Relevanz nicht einschätzen und den Prozess nicht verstehen. „Forschen“, so Ramseger, „besteht aus dem Problematisieren, dem Argumentieren und dem Schlüsse ziehen“. Dass Vorgaben von oben wenig bringen, gelte dabei nicht nur für die Naturwissenschaften, sondern sei insgesamt Ziel des offenen Unterrichts: „Zentral dabei ist, dass der Lehrer nicht Wissen vermittelt, sondern den Kindern dabei hilft, sich selber Wissen anzueignen. Das ist eine Blickwendung, eine komplette Änderung im Denken.“

Ein Modell der Zukunft?

Die Kinder der Wartburg-Grundschule, die den Wandel 1980 miterlebt haben, sind heute längst erwachsen. Anhand deren positiver Entwicklung an weiterführenden Schulen weiß Ramseger, dass das Konzept des offenen Unterrichts erfolgreich ist: „Die Kinder können selber strukturiert arbeiten, tragen ihre Konflikte gewaltfrei aus und können sehr gut in Gruppen zusammenarbeiten“. Er gibt aber zu, dass die flächendeckende Realisierung dieses Unterrichtskonzepts sehr aufwendig und langwierig ist. Das heutige Bildungssystem sei noch stark eingefärbt von der Idee des Frontalunterrichts – bei steigendem Umfang des zu übermittelnden Wissens. Doch Ramseger ist sich sicher, dass es den Aufwand wert wäre: Offener Unterricht von Anfang an lege schließlich den Grundstein für ein selbstbestimmtes Leben und Lernen.

Autor*in

FURIOS Redaktion

Unabhängiges studentisches Campusmagazin an der FU seit 2010

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