Sprach- und Klangkunst in Moabit

Die studentisch organisierte Lesereihe Hauser & Tiger in Moabit war ein Lese-Konzert mit Wohnzimmer-Charme. Dota Kehr und Jan Decker gaben sich die Ehre. Von Carla Hegerl

Einige mussten stehen bei Hauser & Tiger im Kallasch&. Foto: Martin Morsbach

Einige mussten stehen bei Hauser & Tiger im Kallasch&. Foto: Martin Morsbach

Trockenes Räuspern, steife Hemdkragen und auf die Nasenspitze geschobene Lesebrillen: Ja, Literaturvermittlung kann eine staubige Angelegenheit sein. Muss aber nicht! Patricia Spies und Victoria Hahn, zwei FU-Studentinnen mit Begeisterung für zeitgenössische Literatur und Kurt Tucholsky, hatten genug von Wasserglaslesungen mit Gähnreflex. Also riefen sie kurzerhand ihre eigene Lesereihe Hauser & Tiger ins Leben, die erste überhaupt in Moabit. Einmal alle zwei Monate laden die beiden zwei Autoren zu Lesung und Gespräch bei „Wohnzimmeratmosphäre“ ein. Ihr einziges Kriterium bei der Auswahl der Künstler: Sie müssen beiden gefallen. Die vierte Edition am vergangenen Donnerstag hat sich über konventionelle Genregrenzen hinweggesetzt und eine tolle Mischung aus Literatur und Musik auf die Bühne gebracht.

Die eingeladenen Künstler des Abends waren Liedermacherin Dota Kehr und Hörspielautor Jan Decker. Dota stellte sofort beim ersten Lied klar, warum sie als Musikerin auf einer Literaturveranstaltung auftritt: Denn ihre Texte sind voll von frecher und gewagter Poesie, manchmal melancholisch, manchmal politisch, immer aber authentisch. Dota singt von Schlamm, Pommes und dem Geruch von Ost-PVC, vom Sommer unter den Nägeln und von Grenzen zwischen Menschen und Ländern. Die Liebe ist ein Vampir, ein kleines Tier oder ein „Kreuzfahrtschiff aus Papier“ und schwimmt auf den Bossa Nova-, Swing- und Funk-Rhythmen ihrer Gitarre. Keine Spur von kühl-distanzierter Singer-Songwriter-Selbstinszenierung: Dota will etwas bewegen im Publikum, und sie schafft es.

Die zweite Hälfte des Abends widmete sich dem deutsch-österreichischen Schriftsteller Jan Decker, der neben Lyrik, Drama und Prosa vor allem Hörspiele schreibt. Auch er also ein Künstler, der mit dem Zusammenwirken von Text und Ton arbeitet. Zunächst las Decker jedoch seinen Theatermonolog „Beelitzer Heilstätten“, in dem Erich Honecker im Wald spaziert und seine Umgebung mit „Genossen Bäume“ anspricht. Eine ironische Herangehensweise an eine „historische Person auf dem Abstellgleis“, wie Decker sagt, die viel mit Klischees spielt, aber wenig überrascht. Interessanter war der darauf folgende Ausschnitt aus seinem Hörspiel „Jockey Deutschland“. Die Geschichte eines 51 Kilogramm schweren Jockeys, der mit seinem zweijährigen, kastrierten Pferd „Deutschland“ den Großen Preis von Baden-Baden gewinnen will, wirkte sowohl durch den starken Text, als auch durch die disharmonische Musik, die das Ganze begleitete. Eine spannende Mischung aus moderner Klangkunst und Sprache.

Sprache und Musik trafen also an diesem wunderbar unkonventionellen Leseabend auf zwei unterschiedliche Arten aufeinander. Ein Gespräch über das Zusammenwirken von Wort und Ton hing dabei förmlich in der Luft, wurde aber nicht aufgegriffen. Für Fragen aus dem Publikum blieb leider auch keine Zeit. Trotzdem ist eines an diesem Abend klar geworden: Bei Hauser & Tiger geht es nicht nur um die Freude an der Gemütlichkeit, sondern vor allem um tolle Künstler und Literatur, die entstaubt, klischeefrei und auf Augenhöhe daherkommt und etwas bewirken will.

Nächster Termin: Donnerstag, 20. August in der Moabiter Programmkneipe Kallasch&.

Autor*in

FURIOS Redaktion

Unabhängiges studentisches Campusmagazin an der FU seit 2010

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