Sehnsucht nach der Apokalypse

Auch die derbste Provokation wird irgendwann mal langweilig. Toll also, wenn sich K.I.Z neu ausrichtet. Mit „Hurra die Welt geht unter“ haben die Rapper neue politische Töne angeschlagen. Von Julian Daum

Cover von "Hurra die Welt geht unter". Foto: Vertigo (Universal).

Cover von „Hurra die Welt geht unter“. Foto: Vertigo (Universal).

Spätestens seit „Sexismus gegen rechts“ dürfte auch den letzten Freizeit-Pimps gedämmert haben, dass K.I.Z das Geschäft mit der Ironie sehr gut verstehen. Aber schließlich ist in der Postmoderne alles erlaubt, deshalb hat auch niemand was dagegen, wenn diese ganzen postpubertären Chauvies immer noch gröhlend in der vordersten Reihe stehen und von ihrem nächsten leichten Mädchen fantasieren.

Mit „Hurra die Welt geht unter“ haben sich die Berliner Rapper doch nun endgültig als politische Crew positioniert. Und in einer deutschen HipHop-Landschaft, die sich vornehmlich nur um sich selbst dreht, ist das wirklich sehr erfreulich – endlich mal wieder jemandem zuzuhören, der etwas Relevantes zu sagen hat.

Das Prägnanteste an der neuen Platte ist wohl ihre, für K.I.Z-Verhältnisse, musikalische Zurückhaltung, auf-die-Fresse weicht Understatement. Will erst mal nicht zum Konzept passen, denn K.I.Z feiert den Weltuntergang. Doch nichts brennt oder knallt, sondern alles bleibt überraschend ruhig. Denn im Gegensatz zum humanistischen Bildungsbürgertum schwingen sie natürlich nicht die altbewährte kulturpessimistische Keule vom moralischen Verfall der Gesellschaft, sondern sehnen im Weltuntergang die heilbringende Anarchie herbei.

Erfrischendes Konzept mit Schwachpunkten

Dieses zunächst erfrischende Konzept ist jedoch zugleich der größte Schwachpunkt: Bereits die Moderne am Anfang des 20. Jahrhunderts hat sich die Zerstörung der Zivilisation gewünscht. Doch im Gegensatz zu den Futuristen, die der Geschwindigkeit gehuldigt und diese Entwicklung aktiv beschleunigt haben, scheint K.I.Z lieber auf die Apokalypse warten zu wollen, um sich dann entspannt zurückzulehnen, bis in der Post-Nestlé-Ära die „Äpfel so wie Äpfel und Tomaten nach Tomaten“ schmecken. Alles klar. Allen voran Nicos Flow ist dabei teilweise so schleppend, dass man fast versucht ist, Marteria anzurufen, um eine Nachhilfestunde zu vermitteln.

Nichts für ungut. Einzig in „Boom Boom Boom“ machen sie vom Widerstandsrecht Gebrauch und jagen alles in die Luft. Hier ist K.I.Z auch immer noch K.I.Z und bringt bewährt politisch inkorrekt, unbequeme Wahrheiten auf den Punkt: „Ihr Patrioten seid nur weniger konsequent als diese Hakenkreuzidioten. Die gehen halt noch selber ein paar Ausländer töten, anstatt jemand zu bezahl´n um sie vom Schlauchboot zu treten.“

Durch und durch politisch

Das erfreulichste an der Platte ist aber, dass K.I.Z es schafft, ein durch und durch politisches Album rauszuhauen, das vollkommen auf einen moralischen Zeigefinger verzichtet. Aber mal ganz ehrlich, Moralkeulentexte á la Curse oder neobiedermeierliche Selbstreflexion und Realitätsflucht von Casper oder Cro will von den Berlinern mit der Kettensäge auch niemand hören.

Klar kokettieren die Beats immer noch mit dem Hahnenkampf-Trash, wandern aber zwischen gut abgehangenen oldschool-Beats („Glücklich und satt“), Neo-R´n´B („Verrückt nach dir“) und altbewährter Bass-Düsterness á la Walpurgisnacht („Ehrenlos“) durch sämtliche zeitgenössische Spielarten. Und trotz aller Zurückhaltung finden sich, in wohl dosierte Menge, auch die für K.I.Z so typischen auf-die-Fresse-Synthies auf der Platte wieder. Kurzum ist es musikalisch das vielfältigste Album. Aber ist es auch das beste K.I.Z-Album? Schwer zu sagen. Das wichtigste deutsche Protestalbum ist es zur Zeit definitiv.

Autor*in

FURIOS Redaktion

Unabhängiges studentisches Campusmagazin an der FU seit 2010

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