„Mein Klopapier ist schwarz-rot-gold!”

Samy Deluxe ist einer der besten Rapper Deutschlands. Seit über 20 Jahren beeindruckt der Hamburger mit lyrischen Hochleistungen. Umso enttäuschender ist sein neuntes Album. Von Enno Eidens

Samy hat ein Herz für Mimimis. Foto: Instagram/Samydeluxe

Schon beim ersten Reinhören wird klar – das hier ist mehr Arbeit als Vergnügen. Seitdem Samy 2011 mit „SchwarzWeiss” sein bestes und gleichzeitig eines der besten Rapalben Deutschlands abgeliefert hat, enttäuscht der Hamburger seitdem mit jedem neuen Release. So auch mit diesem. „Berühmte letzte Worte” versinkt musikalisch wie auch lyrisch in der Bedeutungslosigkeit. Auf 16 Titeln und vier Bonustracks bedient Samy allzu gewohnte Hip-Hop-Kategorien. Musikalisch ist das größtenteils beliebiges Genre-Einerlei. Produzent Bazzazian liefert eine flache Mischung aus Rap, R’n’B und Pop, die trotz oder grade wegen ihrer hohen Produktionsqualität kaum Spitzen setzen kann. Einzig Bretter wie „Countdown” und „Mimimi” bewegen zum heftigen Mitnicken. Das ist traurig, denn Bazzazian hat unter anderem als Produzent für Haftbefehl gezeigt, dass er durchaus zu Innovationen fähig ist und diese in gewohnter Qualität (Haftbefehl – „CopKKKilla”) abliefern kann.

„Nein das ist kein Disrespect

Nur Fakt das Radio will es leicht verdaubar, doch dies ist kein Picknick-Rap

Dies ist ein fried Chicken Rap für dein Interlekt”

(Countdown)

Samy trennt fein säuberlich in Radiomusik, Politik, Rap und Gefühl. Während man vom klassischen Rap-Representer „Vorwort” empfangen wird, folgt mit „Haus am Mehr” ein klassischer Popsong, der mit Chor und eingängigem Refrain alles fürs Radio mitbringt. Keiner der Songs bleibt hängen. „Vorwort” liefert keine neuen Lines oder technische Finessen, „Haus am Mehr” wirkt platt und einfallslos. Die lyrische, musikalische und technische Ideenlosigkeit setzt sich dabei im ganzen Album fort. Für Rapfans sind die Zeilen dabei oft viel zu ideen- und sinnlos, während die eher poppigen oder emotionalen Stücke nur wenig glaubhaft klingen, wenn auch wichtige Themen wie Samys Sohn, der ohne ihn aufgewachsen ist, behandelt werden.

„Ich bin entspannt unterwegs wie Buddhisten-Touristen

Fahr’ nach Hollywood, um ihn’ an die Kulissen zu pissen”

(Vorwort)

Nur wenige Tracks auf dem Album lassen Samys Talent durchscheinen. Da wären zum einen der extrem eingängige Battletrack „Countdown”, auf dem er gemeinsam mit ASD-Legende Afrob einfachen Rap abliefert und das Radio, Popmusik und den eigenen Verleger disst. Dazu der gelungene Titeltrack „Berühmte letzte Worte”, der ohne tieferen Sinn einfach nur zum Mitnicken anregt. Neben „Mimimi” war es das dann aber auch. Es ist bezeichnend, wenn die kurzen Skits von Chefket und MoTrip interessanteren Sound liefern als das gesamte Album. Das Feature „Epochalität” mit dem Berliner Megaloh ist enttäuschend schlecht. Da ist man von „Hände hoch” anderes gewohnt.

„Geschichten, die das Leben schreibt

Gedichte für die Ewigkeit

Harren aus und warten auf die richtige Gelegenheit

Die letzte Überlieferung

Texte, die ihr kriegt von uns

Echte Poesie und Kunst”

(MoTrip – Letzte Überlieferung Skit)

Politisch wird es dann nach der missglückten Flüchtlings-Line („Weil ich lyrisch so frisch klinge / Ist mein neuer Sound jetzt überall, wie syrische Flüchtlinge”- Countdown) spätestens auf „Klopapier”. Neben Samys gewohntem Rundumschlag gegen „sie” – also „die da oben” – spielt hier auch das letzte Jahr in Deutschland eine große Rolle. Samy arbeitet sich an der europäischen Rechten ab, verpasst es dabei aber, konkret zu werden und so sind es nur wenige Lines, die wirklich Aussage mit sich tragen. Besonders treffend: „Ein Land, in dem die Kanzlerin Flüchtlingskinder persönlich tröstet / Bevor sie sie abschiebt; ich finde das is ne schöne Geste” (Klopapier). Auch „Mimimi” – Mitbürger mit Migrationshintergrund ist super. Musikalisch aufregend, emotional glaubhaft und vor allem grade nach vorne ist das politische Statement gegen Alltagsrassismus. Am meisten Spaß macht der Remix, auf dem Samy von Afrob, MoTrip und Eko Fresh begleitet wird.

„Und wenn ich mecker’ über dieses Land

Sagen sie: ‘Geh doch hin, woher du kommst!’

Okay, dann geh’ ich halt nach Eppendorf

Ich hab’ auch angefangen mit Rappen dort”

(Mimimi)

Gegen Ende präsentiert Samy eine kleine gefühlvolle Triologie aus „Was ich fühl”, „Papa weint nicht” und „Von dir Mama” – das überrascht nicht, geht Deluxe doch gerne mal etwas nach innen. Für Fans gibt es hier sicher viel Neues an ihrem Idol zu entdecken. Musikalisch ist das bewusst zurückhaltend, die Message geht vor. Geschmackssache. Bis auf ein paar gute Songs verblasst das Album zwischen Pop und Gefühlsduselei. Schaut euch lieber Samys unglaublich gute Freestyles und Musikvideos auf YouTube oder hört das Album „SchwarzWeiss” – beides unterhält mehr.

„Berühmte letzte Worte” von Samy Deluxe erschien am 29. April 2016 bei Universal Music.

Autor*in

FURIOS Redaktion

Unabhängiges studentisches Campusmagazin an der FU seit 2008

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