“VW ist ein hohes Risiko eingegangen”

Warum entschied sich VW dazu, den Abgas-Betrug zu leugnen? Neuroökonom Peter Mohr forscht daran, wie Risikoentscheidungen getroffen werden. Von Michael Tran Xuan

Peter Mohr: Einer der ersten im Forschungsbereich Neuroökonomie der FU

Peter Mohr: Einer der ersten im Forschungsbereich Neuroökonomie der FU. Foto: Lennart Paul

Peter Mohr ist Juniorprofessor für Neuroökonomie am Institut für Wirtschaftswissenschaften an der FU. Dort leitet er auch die Junior-Forschungsgruppe „Neuroökonomie”, mit der er das neue Forschungsfeld voran treiben möchte.

FURIOS: In der Wirtschaftswelt müssen immer wieder unter großem Druck Entscheidungen getroffen werden. Als Neuroökonom erforschen sie diese sogenannten Risikoentscheidungen. Was genau bedeutet das?

Peter Mohr: Wir sind daran interessiert, wie genau Menschen Risikoentscheidungen treffen – was dabei in ihrem Gehirn passiert. Dafür untersuchen wir neuronale Strukturen und benutzen die Hirndaten, die wir sammeln, um bestimmte Erklärungsansätze für das menschliche Verhalten zu testen.

Wie überprüfen Sie Ihre Theorien?

Wir führen Experimente durch, bei denen Probanden im Kernspintomographen Entscheidungen treffen müssen, und zeichnen die Hirnaktivität auf. Das erlaubt uns, Unterschiede zu erkennen, die allein durch Beobachtungen von außen nicht sichtbar sind. In den meisten Entscheidungssituationen wägen Menschen den erwarteten Gewinn und das Risiko eines Entscheidungsobjektes gegeneinander ab. Wir haben nun geschaut, ob es Hirnregionen gibt, die genau diese Variablen kodieren. Die Hirnaktivität in der sogenannten anterioren insula ist beispielsweise höher, wenn ein Entscheidungsobjekt riskanter ist. Das spricht dafür, dass Risiko im Entscheidungsprozess aktiv eine Rolle spielt.

Inwiefern sind auch Kenntnisse der Biologie, speziell der
Neurowissenschaften, notwendig, um zumindest die Grundlagen der
Neuroökonomie zu verstehen? Kann der durchschnittliche Wirtschaftswissenschaftler im Bachelor-Studium ohne Probleme einsteigen?

Ich denke der Einstieg ist sehr einfach, da keine tieferen Kenntnisse der Neurobiologie notwendig sind. Im Grunde schauen wir in erster Linie, ob bestimmte Variablen, von denen man annimmt, dass sie im Entscheidungsprozess eine Rolle spielen, im Hirn kodiert werden. In einem weiteren Schritt versuchen wir dann, uns dieses Wissen zu Nutze zu machen um zusätzliche Einflussfaktoren zu untersuchen. So schauen wir beispielsweise, ob objektiv gleich hohes Risiko in unterschiedlichen Situationen unterschiedlich wahrgenommen wird. Wir machen uns zu Nutze, dass wir wissen, wo die Risikowahrnehmung im Hirn kodiert wird. Aber auch das ist ohne Hintergrundwissen zu verstehen. Viel schwieriger wird es allerdings, wenn man neuroökonomische Forschung selbst durchführen möchte. Dies ist mit einem wirtschaftswissenschaftlichen Studium nicht ohne Weiteres möglich.

Wieso hat die FU sich dazu entschieden, diesen neuen Fachbereich zu fördern?
Momentan besteht Ihre Arbeitsstelle nur aus Ihnen und zwei
wissenschaftlichen Mitarbeitern. Bestehen Pläne zur Erweiterung?

An der FU wurden im Rahmen der Exzellenzinitiative verschiedene sogenannte „Dahlem International Network Junior Research Groups“ eingerichtet. Ziel war es dabei, besonders innovative Forschungsfelder, die in der Regel in der Universitätsstruktur noch nicht vorhanden sind, zu fördern. Mein Ziel ist es, das Forschungsfeld Neuroökonomie an der FU fest zu verankern und die FU in dieser relativ jungen wirtschaftswissenschaftlichen Disziplin international sichtbar zu machen. Dazu versuche ich natürlich, über Drittmittelanträge auch neue Mitarbeiterstellen einzuwerben und mein Team zu vergrößern.

Ihre Forschungsergebnisse können durchaus brisanter Natur sein. Glauben
Sie, dass das Wissen über die Entscheidungsfindung von Menschen – vor allem in der Wirtschaft – missbraucht werden kann?

Es wäre unredlich zu behaupten, dass Wissen nicht missbraucht werden kann. Unabhängig vom Inhalt bietet sich demjenigen, der Wissen hat, in der Regel die Möglichkeit, es gegenüber jenen auszunutzen, die es nicht haben. Deshalb ist es aus meiner Sicht auch so wichtig, dass Forschung in erster Linie an öffentlichen Institutionen betrieben und dann auch publik gemacht wird. Dann hat die Öffentlichkeit die Möglichkeit, zu entscheiden, wie sie mit diesem Wissen umgeht. Meine Hoffnung ist natürlich, dass ein besseres Wissen über die Entscheidungsprozesse eines Menschen uns helfen kann, schlechte Entscheidungen zu vermeiden. Dies ist ganz aktuell beispielsweise in der privaten Altersvorsorge wichtig, wo Anlageentscheidungen schon in jungen Jahren einen substantiellen Einfluss auf den Lebensstandard im Alter haben können.

Konkret gesagt: Könnten Sie zum Beispiel die neurowissenschaftlichen Strukturen
hinter dem VW-Skandal erklären?

Es ist relativ einfach zu sagen, dass die Verantwortlichen bei VW das Risiko ihrer Handlungen geringer eingeschätzt haben, als es wirklich war. Was die Ursache dafür war, darüber können wir aber momentan nur spekulieren. Wir arbeiten aber, wie gesagt, genau an der Frage, welche situativen oder kontextabhängigen Faktoren die Risikowahrnehmung beeinflussen. Dabei haben wir natürlich die Hoffnung, dass wir in Zukunft Situationen, in denen die Risikowahrnehmung massiv vom objektiven Risiko abweicht, frühzeitig erkennen zu können um schlechte Entscheidungen zu verhindern. Dazu ist aber noch viel Forschung notwendig.

Fällt Ihnen ein weiteres aktuelles wirtschaftliches Beispiel ein, das sie
mit Hilfe Ihrer theoretischen Ansätze erläutern können?

Ein weiteres Beispiel sind sogenannte Investmentblasen. Hierbei steigt der Preis einer Anlage sehr stark an, bevor es dann zum Crash kommt. Wir haben dies in der letzten Finanzkrise beispielsweise auf dem Immobilienmarkt gesehen. Eine Erklärung für das Auftreten solcher Investmentblasen ist Herdenverhalten. Dabei werden wir offensichtlich von den Entscheidungen anderer beeinflusst. Kaufen sie, kaufen wir auch, verkaufen sie, verkaufen sie auch. Wir untersuchen momentan in einem aktuellen Forschungsprojekt, ob Informationen über das Entscheidungsverhalten von anderen unsere Risikowahrnehmung beeinflussen. Der direkteste Weg dies zu untersuchen ist dann wieder der Blick ins Gehirn.

Autor*in

FURIOS Redaktion

Unabhängiges studentisches Campusmagazin an der FU seit 2008

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