Runter vom Sockel

Aus Alt mach‘ Neu? Die Abguss-Sammlung der FU zeigt eine neue Ausstellung mit unerwarteten Parallelen zwischen moderner Fotografie und antiken Plastiken. Von Pilar Caballero.

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Wer würde heute noch vorchristliche römische oder griechische Persönlichkeiten als Vorbilder nennen? Zwischen der Antike der Denker und Philosophen und dem jetzigen kapitalistisch-technologischem Zeitalter liegen gefühlt mehrere Lichtjahre. Und dennoch kann man viele Gemeinsamkeiten entdecken, wenn man nur die hinterbliebenen Statuen von ihren intellektuellen Museumssockeln herunterholt.

Davon können wir uns seit dem 28. April in der Ausstellung „Vorbildlich Bildlich“ in der Abguss-Sammlung Antiker Plastik der FU überzeugen. Der Fotograf Thomas Räse zeigt hier schwarz-weiß Fotografien inmitten zahlreicher Gipskopien antiker Statuen und Büsten der Charlottenburger Abguss-Sammlung. Humorvoll erzeugen seine Arbeiten Beziehungen zu ausgewählten Plastiken und stellen dabei die historische Erhabenheit, die antiken Statuen in großen Museen meistens anhaftet, geschickt infrage.

Dabei kommt es zu ziemlich bizarren Situationen: Unter den Büsten von Alexander dem Großen hängen zeitgenössische Portraits, zusammen mit der Visage eines Gorillas. Ein Mädchen mit Brille steht zwischen einer Gruppe römischer Philosophen. Der Schatten eines Musikers mit E-Gitarre trifft auf eine filigrane Muse, die auf einer Harfe spielt. Diese direkte Gegenüberstellung der Fotografien zu den Gipsfiguren schlägt nicht nur spielerisch eine Brücke zwischen dem Jetzt und der Antike, sondern hebt auch die weißen Gipsabgüsse aus dem kalten, musealen Kontext heraus. Die starren Figuren scheinen durch Räses Bilder wachgeweckt worden zu sein und fordern die Fantasie der Betrachter heraus, Verbindungen zwischen dem Alltäglichen seiner zeitgenössischen Bilder und der vergangenen Zeit der hellenistischen Statuen zu ziehen.

Tradition neu gedacht

Für Thomas Räse war diese Ausstellung ein Experiment. Noch nie hatte der Fotograf, der üblicherweise für Zeitschriften und Kulturveranstaltungen arbeitet, einen so direkten Bezug zur Antike in seinen Ausstellungen genommen. In der Abguss-Sammlung Antiker Plastik des Instituts für Klassische Archäologie der FU, die mit ihren knapp 200 Jahren zu den ältesten Museen Berlins zählt, stand ihm dafür eine Auswahl von rund 7000 Repliken aus Gips. Von prähistorischen Venusfiguren über ägyptische Pharao-Figuren bis hin zu römischen Kaiserporträts lässt sich in den Archiven der Sammlung so ziemlich alles finden.

Kulturgeschichtlich ist diese Sammlung vor allem deswegen relevant, weil die Anfänge der Geistes- und Kulturwissenschaften in Deutschland wie auch in vielen anderen Teilen Europas fest im Studium der Antike verwurzelt sind. Doch was im 18. Jahrhundert als humanistische Bewegung begann, war seit ihrem Beginn auch immer mit dem Anspruch verbunden, die Nachfolge der griechischen oder lateinisch-römischen Antike für das eigene Land zu beanspruchen und damit eine kulturelle sowie intellektuelle Machtposition innezuhaben.

Thomas Räse knüpft in gewisser Weise an die humanistische Tradition der künstlerischen Bildung durch die Antike an – doch er fügt ihr eine gehörige Portion Humor und Ironie zu, sodass die vermeintliche kulturgeschichtliche Autorität der Statuen gänzlich verschwindet.

Erstaunlich ist dabei, dass keine der ausgestellten Fotografien explizit für diese Ausstellung aufgenommen wurde. Alle Werke wurden aus Thomas Räses Repertoir der letzten 30 Jahren sorgfältig ausgewählt. Die thematische Kohärenz der Fotografien steht dabei weniger im Vordergrund, als vielmehr ihre Anspielungen und Kommentare auf die ausgestellten Stücke der Abguss-Sammlung. Ob man in Cicero die vermeintliche Grobschlächtigkeit eines Gorillas sieht oder umgekehrt, bleibt dabei Interpretationssache des Betrachters.

Die Fotografien von Thomas Räse sind bis zum 26. Juni in der Abguss-Sammlung Antiker Plastik zu sehen. Der Eintritt ist frei.

Autor*in

FURIOS Redaktion

Unabhängiges studentisches Campusmagazin an der FU seit 2008

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