Not und Spiele

Das Zentrum für politische Schönheit sucht Geflüchtete, die sich von Tigern fressen lassen. Die Aktion ist plakativ und geschmacklos – und doch ein Lichtblick für die Gegenwartskunst, findet Hanna Sellheim.

Berlin Mitte wird zur Arena: Der Tigerkäfig vor dem Gorki-Theater.

Berlin-Mitte wird zur Arena: Der Tigerkäfig vor dem Gorki-Theater. Foto: Hanna Sellheim

Berlin-Mitte erinnert zurzeit an das alte Rom. Denn das Zentrum für politische Schönheit (ZPS) hat hier in Kooperation mit dem Maxim-Gorki-Theater eine Arena aufgebaut, in der vier Tiger ihre Tage verbringen, bis sie heute Flüchtlinge fressen sollen, die sich zuvor freiwillig melden. Bis dahin findet jeden Abend um 18.45 Uhr „Not und Spiele – Die Show“ statt: Eine pompöse Veranstaltung, die glitterschmeißende Aktivisten in Clownskostümen involviert, die an die Gnade der „Imperatoren Europas“ – Merkel, de Maizière, Steinmeier und Gauck – appellieren.

Diese Aktion ist ein Protest gegen die EU-Richtlinie 2001/51/EG und den § 63 Absatz 3 des Aufenthaltsgesetzes, nach denen Fluggesellschaften keine Menschen ohne Visum transportieren dürfen – somit also auch keine Fliehenden. Das ZPS will dagegen vorgehen und hat mithilfe von Spenden das Flugzeug „Joachim 1“ finanziert, das am heutigen Dienstag 100 Geflüchtete von Izmir nach Berlin bringen soll. Deshalb fordern die Aktivisten, dass Gauck mit der Streichung von §63 Absatz 3 die Einreise möglich macht. Ansonsten werden sich die freiwilligen Geflüchteten den Tigern zum Fraß vorwerfen.

Mediale Panik-Attacken

Natürlich ist das naiv – und niemand sollte erwarten, dass Politik sich von einer trotzigen Kinderaktion zu einer Gesetzesänderung bewegen lässt. Aber das ZPS hat etwas Wichtiges schon erreicht: Es hat geschafft, die Menschen in Europa, die müde geworden sind von täglichen Meldungen über gesunkene Flüchtlingsboote, denen das Akronym „LaGeSo“ zum Halse heraushängt, wieder aufzurütteln. Es hat geschafft, uns alle wieder daran zu erinnern, dass woanders Menschen sterben.

Schnell hat die Aktion auch die Medien mit ihrer Drastigkeit in Unruhe versetzt und beflissene Tierschützer wollten zur Rettung der Tiger eilen. Das ZPS hat darauf eine so simple wie effektive Antwort: Die Selbstironie. So spricht jeden Abend eine der Künstlerinnen im Namen der Tiger und endet ihre Tirade mit dem Aufruf: „Kein Herz für Menschen“. Auch damit wird dem schaulustigen Publikum vor Augen geführt, wie ironisch es doch ist, sich um die artgerechte Haltung von vier Tigern in Mitte zu sorgen, wenn nur wenige Kilometer weiter in Moabit Tausende von Menschen den Winter über in provisorischen Hallen vegetiert haben.

Extrem subtil

Und genau das ist die eigentliche Stärke der Aktion: Sie agiert auf einer Metaebene, die schließlich den Zuschauer der „Not und Spiele“ sich selbst vorführt. Ob jemand heute von Tigern gefressen wird, ist dann nicht mehr die Frage – sondern wie viele Menschen kommen werden, um sich das anzuschauen. ZPS und Gorki setzen ihre Aktion irgendwo in den flimmernden Zwischenraum zwischen Realität und Drama und spielen mit dem Ausloten seiner Grenzen.

So auch, als die Schauspielerin May Skaf in einer bewegenden Rede verkündete, sich von den Tigern fressen lassen zu wollen. Unter Tränen erzählte sie von ihrer Flucht aus Syrien und erklärte, dass sie „schon vor langer Zeit gestorben“ sei und daher den Schritt in den Tigerkäfig wagen könne. Dass ihre Rede stark an einen Theater-Monolog erinnerte, ist letztlich Teil des ausgeklügelten Spiels mit der Fiktion, das „Flüchtlinge fressen“ betreibt.

Kritik zwischen Politik und Kunst

Man kann solche Plakativität zu Recht abstoßend finden. Man kann kritisieren, dass trotz aller politischen Korrektheit, um die sich das Gorki sonst bemüht, von Flüchtlingen statt von Geflüchteten die Rede ist. Man kann „Not und Spiele“ berechtigt für das schlimmste Wortspiel aller Zeiten halten. Man kann sich auch Sorgen um die Tiger machen. Aber eins wird man nicht können: nicht reagieren. Nicht einmal die Politik hat das geschafft. Sogar das Innenministerium hat schon ein offizielles Statement zu der Aktion abgegeben.

Und damit hat das ZPS gezeigt, was Kunst kann – und dass sie die Möglichkeiten und die Pflicht hat, auf die Gesellschaft einzuwirken. Und dass genau solche Aktionen es sind, die wir brauchen, um angesichts der überall um uns herum geschehenden Katastrophen weder den Mut zur Empörung noch das Herz zum Mitleiden zu verlieren.

Autor*in

FURIOS Redaktion

Unabhängiges studentisches Campusmagazin an der FU seit 2008

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