Krawall und Remmidemmi

Schon seit fast zehn Jahren spielt das Ensemble der Schaubühne den Shakespeare-Klassiker „Hamlet“ und holt die Inszenierung immer mal wieder aus der Kiste. Besser wird sie mit der Zeit nicht. Von Hanna Sellheim

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Mehr Slapstick denn Drama – Shakespeares Hamlet in der Schaubühne. Foto: Presse

„Obs edler im Gemüt, die Pfeil und Schleudern des wütenden Geschicks erdulden oder, sich waffnend gegen eine See von Plagen, durch Widerstand sie enden“- man wünscht sich im Verlauf der 165 Minuten, die die „Hamlet“-Inszenierung von Thomas Ostermeier an der Schaubühne dauert, fast, man würde den Mut aufbringen, sich gegen sein Schicksal zu stemmen. Vielleicht, indem man Lars Eidinger einen Klumpen des Drecks, der die Bühne bedeckt, ins Gesicht schleudert.

Denn verdient hätte er es: Er nutzt die Szenen, in denen er sich ans Publikum wenden soll, für schier endlose Improvisationen – mit sichtlichem Genuss. „Ich weiß, ihr wollt alle Fußball gucken. Deshalb mache ich jetzt eine ganz lange, ganz schlechte Impro.“ Auch seine Schauspielkollegen verschont er nicht. Franz Hartwig muss ertragen, minutenlang Wasser mit einem Schlauch direkt ins Gesicht gespritzt zu bekommen. Danach bekommt das Publikum sein Fett weg. „Jetzt spießt hier mal nicht so rum, ey“, brüllt Eidinger, als einige der Zuschauer es wagen zu lachen, während er wiederholt das ohnehin schon knappe Höschen von Sebastian Schwarz hinunterzieht.

Ein bisschen Glitzer, Glitzer

Um den einmaligen Charakter dieser Aufführung zu betonen, sind alle Impros bemüht aktuell gehalten. Eidinger zitiert den wohl größten EM-Skandal, indem er sich erst in den Schritt greift und dann an seiner Hand riecht. Haha! Doch plumper geht immer und so wird, als bei der Erwähnung von Hamlets bevorstehender Reise nach London auch noch ein Hinweis auf aktuelle Ereignisse nötig scheint, kurzerhand ganz subtil der Buckingham Palace in den „Brexit Palace“ umbenannt. Wer solche Brüche der vierten Wand begeistert als Novum des zeitgenössischen Theaters begrüßt, wird Bertolt Brecht in seinem Grab zum Rumoren bringen.

Sicher: Unterhaltsam ist das allemal. Wenn Eidinger im Kreis auf der Bühne rennt und dazu „Krawall und Remmidemmi“ von Deichkind rezitiert, als sei dies ein mit größter Sorgfalt komponierter Text, dann bringt einen das unweigerlich zum Lachen. Und keine Frage, auch seine zutiefst bewundernswerte schauspielerische Begabung stellt der 40-Jährige unter Beweis, wenn er dreimal den berühmten „Sein oder Nichtsein“-Monolog vorträgt – einmal davon im Vorhang hängend, von oben bis unten mit Glitzer beschmiert und mit Pappbechern an den Händen.

Gut oder nicht gut, das ist die Frage

Doch gegen all diese Slapstick-Einlagen geraten die dramatischen, die traurigen, ergreifenden und tragischen Szenen, die „Hamlet“ ausmachen, in den Hintergrund. Eigentlich geraten alle Szenen in den Hintergrund, in denen Eidinger nicht im Mittelpunkt steht und sich mit Fäkal- und Primitiv-Humor profilieren kann. Dass die anderen Schauspieler dauernd die Rolle wechseln, ist daher nur konsequent – sie scheinen eh auswechselbar, verkommen zu Statisten, auch wenn sie sich allesamt als herausragende Schauspieler beweisen.

Dieses Kreisen um den Hauptdarsteller ist schade, denn eigentlich hat die Inszenierung von Ostermeier all das, was eine gute Inszenierung ausmacht: ein großartiges Bühnenbild, einen sinnvollen Einsatz von Medien und Musik und als Grundlage eine Prosa-Übersetzung von Shakespeare, die es schafft, modern zu sein, ohne je platt zu werden. Neun Euro für eine Eintrittskarte ausgegeben zu haben, wird also sicher niemand bereuen, denn das fulminant Feuerwerk, das die Schaubühne aus “Hamlet” macht, ist in der Tat ein Erlebnis. Dennoch: Theater, das sich nur um einen Darsteller und seine Sperenzchen dreht, ist keines und wird Shakespeare nicht gerecht. Der Rest ist Schweigen.

Autor*in

FURIOS Redaktion

Unabhängiges studentisches Campusmagazin an der FU seit 2008

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