Furios stellt vor: Friedrich Meinecke

Friedrich Meinecke hat den Wandel der Deutschen im 19. und 20. Jahrhundert miterlebt. Er ging einen anderen Weg als seine Kollegen. Dieser führte ihn zum Rektorensessel der FU. Von Corinna Schlun

Friedrich Meinecke Bildquelle: Bratke / Universitätsarchiv der Freien Universität Berlin, Fotosammlung
Friedrich Meinecke. Bild: Bratke / Universitätsarchiv der FU Berlin, Fotosammlung

Der Historiker Friedrich Meinecke erlebte einige der wichtigsten Wendepunkte der Deutschen Geschichte selbst mit. Dies prägte ihn nicht nur persönlich, sondern auch seine Arbeit
Geboren wurde Meinecke 1862 in Salzwedel. Aufgrund einer Strafversetzung seines Vaters zog er jedoch mit neun Jahren nach Berlin. Seine Kindheit war geprägt vom Aufstieg Bismarcks und dem Entstehen der Großmacht Preußen; so erlebte er in Berlin den Triumphmarsch der Soldaten nach dem Sieg über Frankreich 1870 mit.
Nach dem Schulabschluss absolvierte er ein Studium der Geschichte und Germanistik und trat nach seiner Promotion erst einmal den Archivdienst an. Auf die Berufung 1901 an die Universität Straßburg folgte 1906 der Wechsel an die Universität Freiburg.
In der badischen Stadt verfasste er seine Hauptgedanken zu seinen bekannten drei Hauptwerken, „Weltbürgertum und Nationalstaat“, „Die Idee der Staatsräson in der neueren Geschichte“ und „Die Entstehung des Historismus“, die ihn später berühmt machte. Einer seiner bekanntesten Erklärungsansätze besagt, dass die Deutschen durch die napoleonischen Besatzungszeit von „Weltbürgern“ zu „Nationalisten“ wurden. Durch seine Werke wurde er zum Begründer der politischen Ideengeschichte in der deutschen Geschichtswissenschaft. Freiburg prägte ihn aber auch politisch, er wendete sich ab vom preußischen Konservatismus hin zu den Ideen von Friedrich Naumann: Nach Naumann sollte es einen mitteleuropäischen Staatenbund geben, der auf der Basis von nationaler Gleichberechtigung und einem gemeinsamen Wirtschaftsraum aufgebaut wird – Ideen wie diese unterstützte Meinecke.

Ein Querdenker in der Geschichtswissenschaft

Die Berufung an die Berliner Friedrich-Wilhelm Universität, dem Vorgänger der heutigen Humboldt-Universität, bringt ihn 1914 an die Spree zurück. Schon während der zweiten Kriegshälfte plädierte er für einen Verständigungsfrieden – ganz im Gegensatz zu seinen Kollegen. Auch nach dem Kriegsende geht er andere Wege als viele seine Historikerkollegen: Er bekennt sich offen zur Weimarer Republik. Bis zu seiner Emeritierung 1932 lehrt Meinecke an der Berliner Universität. Während der NS-Zeit arrangiert sich Meinecke nicht wie viele seiner Hochschulkollegen mit dem Regime. Deshalb musste er 1935 die Verantwortung für die „Historische Zeitung“ abgeben. Rund 40 Jahre hatte er diesen Posten inne. Nachdem der Zweite Weltkrieg verloren war, versuchte Meinecke als einer der ersten Historiker, die Gründe für den deutschen Wandel zu erklären. Schon 1946 folgt deshalb sein Buch „Die deutsche Katastrophe“, in dem er kritisch das deutsche Bürgertum hinterfragte und das deutsche Geschichtsbild gründlich revidierte. So sah er die Deutschen nicht als unschuldige Opfer des Nationalsozialismus. Das Buch gibt dem deutschen Bürgern Halt und wird auf der ganzen Welt positiv aufgenommen, schließlich hinterfragte ein Deutscher, der unter dem Regime Entbehrungen hinnahm und somit kein Nazi war, kritisch die Rolle der Bevölkerung im Nationalsozialismus.

Verbunden mit der FU

Im Jahr 1948, mit 86 Jahren, wurde er zum ersten Rektor der Freien Universität ernannt. Später entschloss man sich an der Universität auch noch ein Institut nach ihm zu benennen. Meinecke stand mit seiner Haltung für einen politischen Neuanfang nach dem Nationalsozialismus, aber gleichzeitig trat er auch gegen das kommunistische Regime der DDR und somit für die Werte des westlich-liberalen Gründungsimpulses der FU ein. Noch zu Lebzeiten und in seinem Beisein fand im Herbst 1951 die Umbenennung des „Seminars für Mittelalterliche und Neuere Geschichte“ in das Friedrich-Meinecke-Institut statt. 1954 starb Meinecke in Berlin, in der Stadt in der er als Kind die Großmacht Preußen bewundern konnte, unter dem Schrecken des Nationalsozialismus‘ leben musste und die Zukunft der FU aufbauen durfte – Ein Jahrhundert Meinecke.

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FURIOS Redaktion

Unabhängiges studentisches Campusmagazin an der FU seit 2008

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