Furios daheim: Bei pinkelnden Kühen

In der niedersächsischen Einöde läuft so einiges anders als in Berlin. Die Eigenheiten des 250-Einwohner Dorfes bieten eine angenehme Abwechslung, meint Rebecca Stegmann.

Foto: Rebecca Stegmann.

Die Kühe gehören zum Alltag in Glissen dazu. Foto: Rebecca Stegmann.

Was in Berlin der Späti ist, ist in Glissen die Genossenschaft. Also fast: Zwischen acht und 17 Uhr – mit Ausnahme der zweistündigen Mittagspause – kriegt man hier Apfelsaft und Wein aus der Pappschachtel. Hauptsächlich wird aber das verkauft, was die Bewohner Glissens am dringendsten brauchen: Tierfutter und Gummistiefel.

Statt der Hipster Bar mit Palettenmöbeln gibt es das Feuerwehrhaus mit Bierzeltgarnitur. Dann gibt es noch einen Frisör – und das war’s. Der nächste Club und das nächste Kino sind von Glissen 20 Kilometer entfernt. Das hieß mit 16 entweder Papa anbetteln oder die zehn Kilometer zum Zeltfest mit dem Fahrrad fahren. 250 Einwohner leben in dem Dorf in Niedersachsen, an der Grenze zu NRW. Aber eben noch in Niedersachsen und das ist wichtig – weil die aus NRW ticken ja ganz anders.

Grasende Kühe statt Polizeieinsatz

Wenn ich alle ein bis zwei Monate nach Hause auf den Bauernhof fahre, sitze ich etwa drei Stunden in Zug und Auto. Dann fällt mir zuerst auf, wie still und leer es ist. Besonders seit ich in meiner Neuköllner Erdgeschosswohnung lebe; und schräg gegenüber bei der Ur-Berliner Eck-Kneipe jeden zweiten Abend jemand von der Polizei abgeholt wird. In Niedersachsen ist vor meinem Fenster unsere Wiese mit gemächlich Gras fressenden Kühen. Glissen ist umgeben von ein paar anderen kleinen Dörfern, Feldern und Wald. Das Tempelhofer Feld würde sich perfekt in die Landschaft einfügen. Nur Urban Gardening Projekte gibt es hier nicht. Dafür hat der Garten von meiner Oma Blaubeeren, Blumenkohl, Bohnen und alles andere Überlebenswichtige. Im Keller stapeln sich die Einmachgläser bis unter die Decke. Für die Zombie-Apokalypse ist Oma bestens gerüstet.

Was einem Fremden wohl zuerst auffallen würde, ist, dass hier alle Plattdeutsch sprechen. Wenn man nicht damit aufgewachsen ist, versteht man wenig von dem, was bei uns am Mittagstisch erzählt wird. Maulwurf heißt Winneworp auf Plattdütsch. Statt Guten Tag sagt man einfach „Tach“.

Um Punkt zwölf Uhr gibt es bei uns „Middagäten“. Freitags immer Fisch, sonntags immer Braten. Kartoffeln als Beilage zum Fleisch. Was ich nicht aufesse, kriegen die Katzen, oder, wenn es sich um eine Nachspeise handelt, der Opa. Der beschwert sich immer darüber, dass er der Müllschlucker am Mittagstisch sei. Und dann kratzt er mit dem Löffel noch die Schale aus.

Zigaretten- und Socken-Girlanden

Wer eine Frau mit 25 noch nicht verheiratet ist, werden ihr Girlanden mit Hunderten von Zigarettenschachteln ans Haus gehängt. Männer trifft dasselbe Schicksal. Hier sind aber alte, stinkige Socken die Deko. Das funktioniert hier so gut, weil einfach jeder jeden kennt und man sich auch ohne Social Media auf dem Laufenden hält.

Zum Aufwachsen ist so ein Dorf ziemlich gut. Meine Schwester und ich konnten uns als Indianer verkleidet im Gebüsch am idyllischen Radweg verstecken und wenn mal ein Fahrradfahrer kam, mit lautem Gebrüll heraus springen. Mein Papa und seine Brüder haben es Gerüchten zufolge mal geschafft, dass das ganze Dorf keinen Strom hatte. Sie hatten einen Baum gefällt hatten, der unglücklich auf einen Strommasten fiel. So etwas gerät auf dem Dorf natürlich nicht in Vergessenheit.

„Glissen ist beschissen, da geh’n die Kühe pissen“, sagen die Leute aus dem Nachbardorf. Der zweite Teil stimmt, der erste ist Quatsch.

Autor*in

FURIOS Redaktion

Unabhängiges studentisches Campusmagazin an der FU seit 2008

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