Immatrikulationsgeschenk: Stress

Stressiger geht’s nicht mehr. Als Studierender gehört man laut einer neuen Studie der AOK zu der am meisten gestressten Bevölkerungsgruppe Deutschlands. Unsere Autorin Corinna Cerruti fragt sich, ob das wirklich am Hochschulsystem liegt?

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Prüfungen, Seminarvorbereitung, Auslandssemester, Nebenjob, Haushalt, soziale Kontakte… Der Alltag eines Studierenden kann ganz schön voll sein. Da mag es kaum verwundern, dass jeder zweite Student bei einer AOK-Studie angab, sich im Studienalltag einem hohen Stresslevel ausgesetzt zu fühlen (53%). Damit übertrumpfen diese sogar die Beschäftigten des Landes (50%). Der größte Stressfaktor ist laut Studie die Hochschule selbst. Vorlesungen, Seminare, Tutorien, Hausarbeiten und Klausuren sollen uns also besonders unter Druck setzen und unser Stresslevel hochjagen. Da stellt sich die Frage: Ist nur das verschulte Unisystem Schuld daran, dass so viele Studierende sich stressen? Oder sind wir vielleicht auch ein Stück weit selbst dafür verantwortlich? Zu weiteren Stressfaktoren zählen nämlich laut Studie auch der eigene Leistungsanspruch und die Angst vor Überforderung. Über 2,7 Millionen Studierende in Deutschland dürfen nun einmal selbst überlegen: Gehöre ich zu den 53%?

Voller Terminkalender

Schwierig zu beantworten. Daher ein paar Zahlen aus meinem Unialltag: Laut meiner Studienordnung soll ich für meine Veranstaltungen 37,5 Stunden durchschnittlich pro Woche aufwenden. Wenn ich dann noch einen Nebenjob mit 10-15 Stunden die Woche drauf rechne, bin ich bei einer über 50-Stunden-Woche. Dazu kommt dann noch die Organisation eines Auslandssemesters, Bewerbungen schreiben und anderer Hickhack den man so als Student gelegentlich vor sich herschiebt. Weiterhin gibt es die Momente des unnötigen Gefühlsausbruchs und Rumjammerns, weil die Prüfung immer näher rückt und man sich immer noch fragt, wann und wie und wo der ganze Stoff noch Platz im überfüllten Hirn finden soll. Der antrainierte Perfektionismus sitzt dann natürlich auch noch irgendwo in einer Zelle und flüstert einem leise zu: „ohne Note X ist eigentlich eh alles gelaufen“. Das kostet alles Zeit, die jeder von uns anders gebrauchen könnte.

Das Stresslevel steigt und steigt. Aber nur im Kopf.

Klingt das stressig? Auf jeden Fall. Stressiger als im Berufsleben? Ich denke schon. Ein Grund zum Jammern? Wohl weniger. Aus dem verschulten Bolognasystem kommen wir wohl so schnell nicht raus. Aber wer jetzt glaubt, dass alles nur schlechter geworden ist, dem sei gesagt: Die Studierenden, die in der Studie voraussichtlich in der Regelstudienzeit fertig werden, gaben an, weniger gestresst zu sein, als diejenigen die noch was länger verweilen. Die Studierenden mit Nebenjob sind laut Studie entspannter als die ohne Nebenjob. Mehr Organisation im Studium scheint dem hohen Stresslevel entgegen zu wirken.

Außerdem gehört Erwartungsdruck zu den größten Stressfaktoren. Vielleicht liegt das Problem also nicht vollkommen beim Studiensystem, sondern in eurem Kopf. Bringt mehr Struktur in den Alltag. Wenn ihr dauernd Fristen verpennt: Macht euch Zeitpläne. Wenn ihr eine bestimmte Note erreichen müsst oder wollt: Schafft euch klare Ziele und Lernetappen. Und wenn ihr nichts von all dem haltet: Bleibt dabei. Aber dann seid zufrieden und jammert nicht rum, wenn irgendwas nicht pünktlich fertig ist. Denn selbst wenn mal Chaos herrscht, hilft es manchmal abzuwarten. Die Lösung kommt von ganz allein – auch ohne stressen bis zur Panikattacke. Wenn ich kontinuierlich zu viel Stress empfinde, liegt das wohl an mir und meinem Alltag. Und so liegt es auch an mir, nicht zu den 53% zu gehören.

Autor*in

Corinna Cerruti

sucht ihre Geschichten am liebsten in den Zahlen. Auf Twitter als @Corinna_Cerruti.

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