Kritik an Afrika-Vorlesung

In diesem Semester veranstaltete der OSI-Club eine Ringvorlesung zum Klimawandel in Afrika. Die vorgesehenen Redner waren ausschließlich weiß und nicht-afrikanisch. Eine studentische Gruppe kritisiert das und startete eine Petition. Von Björn Brinkmann

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Aktivisten protestieren mit Petition gegen OSI-Vorlesung über Afrika. Foto: Julian Jestadt

Ein Sechstel der Weltbevölkerung, ein Viertel der ihr zur Verfügung stehenden Landmasse und eine schier unfassbare Diversität von mehr als 3.000 Völkern – für all das findet die westliche Welt ein großes, einheitliches Label: Afrika. Die komplizierte und zutiefst problematische Beziehung des globalen Nordens zu dem Kontinent, den er einst auf so brutale Art und Weise unterworfen, ausgebeutet und nachhaltig zerrüttet hat, beschäftigt schon seit mehreren Jahrzehnten die Wissenschaft des Postkolonialismus. Dabei wird vor allem untersucht, wie die Asymmetrien und Abhängigkeiten zwischen ehemaligen Kolonien und Kolonialmächten bis in die Gegenwart fortwirken.

Der aktuelle Protest gegen die Ringvorlesung des OSI-Clubs “Klimawandel in Afrika“ lässt die Konfliktlinien zwischen postkolonialen Perspektiven und dem eingesessenen Universitätsbetrieb klarer denn je zu Tage treten. Die Redner der Veranstaltung sind ausschließlich weiß und nicht-afrikanisch. Die Gruppe „Decolonise the FU“, Studierende, Promovierende und Alumni des OSI (Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft), kritisieren das scharf. In der vergangenen Woche übergaben sie eine Petition an den Institutsrat des OSI, die bisher von über 700 Personen unterschrieben wurde.

Kritik an weißem Line-up

Im November startete „Decolonise the FU“ die Petition gegen die Ringvorlesung. ”Es ist nicht mehr länger hinnehmbar, dass eine Universität normativ, habituell und intellektuell weiß bleibt”, heißt es darin. Die Ringvorlesung „Klimawandel in Afrika“ bringe mit einem Line-Up von neun weißen und ausschließlich europäischen Wissenschaftlern afrikanische Stimmen völlig zum Schweigen und ignoriere den afrikanischen Kontinent als Ort eigener Wissensproduktion.

Das sei nicht nur im Fall der Ringvorlesung so, sondern in allen Bereichen von Forschung und Lehre: ”Es geht uns nicht darum, ob eine Handlung auf der individuellen Ebene rassistisch ist. Die Debatte ist um einiges umfassender”, so die Aktivisten. Es müssten vielmehr rassistische Strukturen in der Wissenschaft thematisiert werden.

Gerade vor dem Hintergrund der OSI-Geschichte sei das wichtig: In den Gebäuden des heutigen OSI befand sich von 1927 bis zum Ende des zweiten Weltkrieges das „Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik“, das maßgeblich an der Legitimierung der nationalsozialistischen Rassenlehre beteiligt war.

Kein Geld für afrikanische Redner

Auf die Kritik von „Decolonise the FU“ reagiert der OSI-Club bis heute nicht und hält sich generell sehr bedeckt. Doch Junior-Professorin Bettina Engels, die die Ringvorlesung organisierte, signalisiert gegenüber der FURIOS grundsätzlich Zustimmung angesichts der Kritik. „Ohne Zweifel macht es einen Unterschied, wer spricht, von welcher gesellschaftlichen Position aus, mit welchem Geschlecht und mit welcher Herkunft”, so Engels. Allerdings gibt sie zu bedenken, dass für die Organisation der Ringvorlesung lediglich eine begrenzte Menge an finanziellen Mittel zur Verfügung stand. Das Einfliegen von Forschern aus afrikanischen Ländern sei somit “nur sehr eingeschränkt” möglich gewesen.

Vertreter der Gruppe “Decolonise the FU” reagieren mit dem Verweis auf Ringvorlesungen zum Thema Afrika, die in vergangenen Jahren vom OSI-Club initiiert wurden. Man müsse sich die Frage stellen, warum es damals mit ebenfalls begrenzten Ressourcen möglich gewesen sei, Forscher aus einem afrikanischen Umfeld in das Line-Up zu integrieren.

Rednerin macht Platz

Angesichts der Kritik wurde eine Rednerin durch Papa Sow, der bereits unter anderem in Burkina Faso, Gambia und Kenia forschte, ersetzt. Nach Aussage von „Decolonise the FU“ geschah das allerdings nicht auf Initiative der Organisatoren, sondern als Reaktion auf Nachfrage der Aktivisten bei der ursprünglich vorgesehenen Rednerin, die daraufhin ihren Platz räumte.

Unterdessen haben weitere Redner der Vorlesung auf die Kritik reagiert. Sybille Bauriedl solidarisierte sich mit dem Anliegen der Kritiker und erwähnte deren Petition. Der letzte vorgesehene Redner, Professor Patrick Bond, bot darüber hinaus an, auf seinen Vorlesungstermin zu verzichten. Laut “Decolonise the FU” habe er als alternativen Redner Mithika Mwenda, den Vorsitzenden der Panafrican Climate Justice Alliance, vorgeschlagen. Letztlich sprach aber doch Bond.

Autor*in

FURIOS Redaktion

Unabhängiges studentisches Campusmagazin an der FU seit 2008

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