„Die Religion ist ein Bollwerk gegen den Tod“ | FURIOS Online

„Die Religion ist ein Bollwerk gegen den Tod“

Der Glauben macht Sterben einfacher, meint der Religionswissenschaftler Hartmut Zinser. Mit FURIOS spricht er über das Leben nach dem Tod und erklärt, warum auch Religionen verfallen.Von Lucian Bumeder

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Religionswissenschaftler Hartmut Zinser. Foto: Hannah Lichtenthäler

Hartmut Zinser forscht seit 1990 am Institut für Religionswissenschaft der FU zu Atheismus und Religionsgeschichte. Die Religionswissenschaft untersucht im Gegensatz zur Theologie nicht Glaubensinhalte, sondern analysiert die Erscheinungsformen von Religionen, ihre Veränderung und die Rolle, die sie für die Menschen einnehmen.

FURIOS: Herr Zinser, wieso wenden sich Menschen Religionen zu, wenn es um den Tod geht?

Der Tod gehört zum Leben. Wir alle werden sterben. Aber Gläubige sterben einfacher, das ist empirisch bewiesen. Denn es ist schwer, sich unter dem Tod etwas vorzustellen. Niemand weiß, was danach kommt. Genau daraus entsteht die Furcht vor dem Sterben. Religion wirkt hier als Bollwerk, indem sie dem Tod seine Sinnlosigkeit nimmt.

Die Religion als Bollwerk gegen den Tod – wie funktioniert das?

Religionen trösten viele Menschen, die sich vor dem Tod fürchten. Sie liefern Erklärungsversuche, wenn jemand stirbt, dem man nahe stand. Denn Erinnerungen sterben dabei nicht, genauso wenig wie verbliebene Schuldigkeiten und Emotionen. Daher kommt auch die Angst vor der Missgunst von Verstorbenen und davor, an nicht verarbeiteten Gefühlen zu zerbrechen. Die Religionen geben durch ihre Totenrituale eine eindeutige Handlungsanweisung. Damit bieten sie Hinterbliebenen in Zeiten schwerer psychischer Belastung eine große Hilfe.

Aber Religionen erfüllen ja nicht nur eine tröstende Rolle beim Sterben. Ganz im Gegenteil, viele Religionen sind auch für Tod und Leid verantwortlich.

Alle Religionen kennen die Todesstrafe, ausnahmslos. Das liegt vor allem daran, dass sie in vormodernen Gesellschaften entstanden sind. Auch in den zehn Geboten war lange Zeit nicht das „Töten“, sondern das „Morden“ verboten. Für Hinrichtungen und Kriege gelten damit immer besondere Regeln. Religionen müssen zudem weder konsistent noch logisch sein. Die Kriege buddhistischer Herrscher wurden damit gerechtfertigt, dass der Mensch wie ein Spiegelbild sei. Wenn er Substanz hätte, könnte man ihn gar nicht töten. Da er nur ein Spiegelbild ist, zerschlägt man nur das Bild, nicht aber die Sache.

Der Tod bringt auch viele praktische Fragen mit sich. Wie ist es zu erklären, dass sich Menschen aus religiösen Gründen gegen Organspenden entscheiden?

Die meisten Menschen haben das Bedürfnis, ordentlich unter die Erde gebracht zu werden. Das geht noch auf Fürsten zurück, die Vorsorge für ihr Nachleben getroffen haben. Heute spiegelt sich das zum Beispiel in Sterbeversicherungen. Das Christentum lehrt dazu, dass der gesamte Körper begraben werden muss, um wieder aufzustehen. In der alten Version des Glaubensbekenntnisses steht sogar noch die Formulierung „Auferstehung des Fleisches.“ Auch wenn sich in den letzten Jahren etwas verändert hat – Feuerbestattungen sind ja inzwischen zum Beispiel erlaubt.

Manche Religionen sind über die Jahrhunderte von der Bildfläche verschwunden – wie lässt sich das erklären?

Historisch gesehen war dafür häufig eine militärische Niederlage verantwortlich: Dann löste sich die Gemeinschaft auf, die die Gottheit verehrt hatte. Auch Naturkatastrophen konnten Religionen gefährden. Denn eine Gottheit, die ihre Glaubensgemeinschaft nicht schützen kann, ist machtlos.

Was bedeutet das im Hinblick auf die sinkende Zahl an Kirchenmitgliedern in Deutschland?

Heute spielen diese Faktoren keine so große Rolle mehr. Die Menschen sind aber dadurch nicht ungläubig geworden, selbst wenn in Deutschland nur noch sechzig Prozent der Bevölkerung Mitglied einer Kirche sind. Freidenker und Atheisten haben es trotzdem nicht geschafft, die Ausgetretenen zu mobilisieren. Folglich haben sie auch keine einflussreiche Interessenvertretung. Wir wissen zwar nicht, was genau der Rest glaubt. Aber das Verlassen der Religion ist selten ein Ausdruck von bewusstem Atheismus.

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