Gedenken auf der Straße | FURIOS Online

Gedenken auf der Straße

Stolpersteine sollen dort an die Verfolgten der Shoah erinnern, wo sie zuletzt gelebt haben. Auch in Dahlem liegen einige. Auf den Spuren zweier Schicksale. Von Hanna Sellheim

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Dank Stolpersteinen bleibt mehr von Fanny Thoman als ein paar Daten. Illustration: Julia Fabricius

Ein paar Daten sind alles, was von Franziska Thomans Leben geblieben ist: 23. Dezember 1881. 8. Februar 1945. Ein paar Daten, die ihr Leben auf 64 Jahre eingrenzen, in denen Franziska Thoman gelebt hat, gearbeitet, gelacht, geträumt und geweint. Dazwischen gibt es ein weiteres Datum: 26. Oktober 1943. An diesem Tag wurde Franziska, genannt Fanny, in ihrem Haus in Berlin-Dahlem abgeholt und nach Ravensbrück gebracht, in das Konzentrationslager für Frauen im Norden von Brandenburg.

Man kann sich vorstellen, wie es an diesem Dienstag in Dahlem aussah. Vielleicht war es stürmisch. Vielleicht segelten Blätter von den Bäumen in der Koserstraße und landeten vor Fannys Haus, der Nummer 21. Die Berliner Morgenpost berichtete an diesem Tag von Kämpfen an der südlichen Ostfront. Im Kino am Zoo lief die Komödie „Ein glücklicher Mensch“ und Potsdam 03 stand an der Spitze der Berliner Meisterschaftstabelle. Darüber, was Fanny Thoman an diesem Tag dachte, was sie fühlte, als sie in den Zug gezwungen wurde, stand nichts in der Zeitung.

Die Koserstraße 21 beherbergt heute den Forschungsverbund SED-Staat der FU. Und doch bleibt nicht vergessen, dass hier einmal Fannys Zuhause war. Ein goldener Stolperstein liegt davor, wie es in Berlin viele gibt und erinnert an sie. An ihr Leben, an ihre Deportation, an ihren Tod.

Seit 1992 gibt es das Stolperstein-Projekt, initiiert hat es der Kölner Künstler Gunter Demnig. „Menschen sind vergessen, sobald ihr Name vergessen ist“, erläutert Demnig seine Idee. „Ich möchte dort an sie erinnern, wo sie zuletzt gelebt haben.“ Stolpersteine beantragen kann jede und jeder, vorher müssen die Lebensdaten der Person, an die der Stein erinnern soll, recherchiert werden. Demnig fertigt jeden einzelnen Stolperstein selbst an und verlegt ihn dann.

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Fanny Thoman zog 1923 in die Koserstraße, wohnte dort gemeinsam mit ihrem Ehemann Ignaz, einem Kaufmann. Als er starb, lebte Fanny weiter in dem Haus mit der Backsteinfassade. Am 31. August 1940 bot ihr das NS-Regime 80.000 Reichsmark für ihren Auszug aus der Koserstraße. Eine Wahl hatte Fanny nicht. Und auch das Geld sollte sie nie bekommen. Nachdem sie fort war, zog Oswald Pohl in das Haus ein, ein hochrangiges SS-Mitglied. Er veranlasste einen Umbau des Hauses durch KZ-Inhaftierte, ließ einen privaten Luftschutzbunker anlegen.

Fanny Thoman war inzwischen selbst inhaftiert, musste vermutlich, wie die anderen Insassinnen in Ravensbrück, früh morgens bei jedem Wetter zum Zählappell antreten, tagsüber Zwangsarbeit verrichten. Vielleicht wurden an ihr, wie an etlichen anderen Insassinnen, medizinische Experimente vorgenommen. Sicher ist, dass Fanny am 8. Februar 1945, wenige Monate vor der Befreiung des Lagers, in einer Gaskammer starb. Der Rest lässt sich rekonstruieren: Fanny wurde an diesem Donnerstag aufgefordert, sich zur Dusche zu begeben und sich auszuziehen Dort wurde sie zusammen mit anderen gefangenen Frauen aus dem Konzentrationslager – wie so viele andere Jüdinnen und Juden, Menschen mit Behinderungen, Homosexuelle, Kommunisten und Kommunistinnen, Sinti und Roma, vor und nach ihr – vergast.

Dass all diese Menschen und die grauenhaften Umstände ihres Todes nicht vergessen werden, dazu könnten die Stolpersteine beitragen, meint auch Stefan Heinz, wissenschaftlicher Mitarbeiter am OSI und Experte für Erinnerungskultur und Gedenkstättenpolitik: „Die Stolpersteine sind eine Form der gelebten Erinnerungskultur, die in einem langjährigen Prozess von unten erkämpft wurde.”

Gerade junge Leute könne eine solche Form der Erinnerung, die auf der Straße stattfindet, erreichen. „Wenn Schülerinnen und Schüler solch einen Stein in ihrer Nachbarschaft sehen, wird ihnen bewusst, dass die nationalsozialistische Verfolgung überall stattgefunden hat, auch vor ihrer Haustür“, sagt Heinz. „Das ist sehr viel eindringlicher, als nur eine abstrakte Größe von zahlreichen Millionen Verfolgten zu hören.“ Auch Demnigs Erfahrung im Umgang mit Jugendlichen bestätigt das. Gerade im Angesicht aktueller politischer Entwicklungen scheint es wichtiger denn je, an die Grauen der Shoah zu erinnern. Denn während die letzten Zeitzeug*innen sterben, drängen rechtspopulistische Parteien auf ein Vergessen. Davor warnt auch Heinz: „Es gibt Parteien wie die AfD, die versuchen, die geschaffene Erinnerungskultur zurückzudrängen. Das ist gefährlich. Wir müssen uns zu unserer Verantwortung bekennen und dafür sorgen, dass so etwas nie wieder geschehen kann.“ Projekte wie die Stolpersteine könnten dann auch zur Demokratiebefähigung beitragen.

Auch vor der Breisacher Straße 19, nahe der Universitätsbibliothek, liegt ein Stück Erinnerungskultur aus Messing. Der Stein erinnert an Bruno Asch, der hier mit seiner Familie lebte. Asch war SPD-Mitglied, setzte sich für den sozialen Wohnungsbau ein. Er wurde am 31. März 1933 entlassen, floh daraufhin mit seiner Frau Margarethe und seinen Töchtern Ruth, Mirjam und Renate nach Amsterdam. Doch 1940 wurden die Niederlande durch das deutsche Militär besetzt, Bruno Asch nahm sich das Leben. Margarethe, Ruth und Renate wurden 1943 in das Vernichtungslager Sobibór in Polen deportiert und dort ermordet. Nur Mirjam schaffte es 1939, nach Palästina auszuwandern.

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Während die Aschs um ihr Leben kämpften, zog Kurt von Hammerstein mit seiner Familie in ihr Haus. Dieser stieg zunächst in der Reichswehr bis zum Generaloberst auf. Doch als erklärter Gegner Adolf Hitlers und des Faschismus trat er 1934 von seinem Posten zurück. Fortan unterstützte er den Widerstand gegen Hitler von der Dahlemer Villa aus, bis er 1943 an Krebs starb.

Die Stolpersteine stehen häufig in der Kritik; in München werden keine solchen verlegt. Gegner*innen argumentieren, Stolpersteine seien respektlos, forderten sie doch dazu auf, die Opfer des Nationalsozialismus mit Füßen zu treten. Auch Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München, ist aus diesem Grund eine scharfe Kritikerin des Projekts. Demnig wird wütend, wenn man ihn auf diese Gegenstimmen anspricht. Seiner Meinung nach verharmlost der Vergleich die Schrecken der Shoah: „Die Nazis haben nicht auf den Menschen herumgetrampelt, sondern sie systematisch vernichtet.“ Heinz hält die Kritik am Projekt ebenfalls für falsch: „Auch wenn man die jüdische Kritik ernst nehmen muss, schieben viele andere diesen Vorbehalt gegen die Stolpersteine nur vor, weil sie sich nicht mit der Shoah auseinandersetzen wollen.“ Dennoch hält er es für wichtig, dass dieser Konflikt öffentlich ausgetragen wird. „Jede Form des Gedenkens, die nicht hinter verschlossenen Türen stattfindet, kann nur einen positiven Effekt auf die Gesellschaft haben.“

Denn immerhin erinnern die goldenen Steine daran, dass es einmal Geschichten, deren Protagonist*in Fanny Thoman und Bruno Asch hießen. Der Stein zwingt Vorbeigehende dazu, zu mutmaßen über Fannys und Brunos Leben, über dessen Daten und über die Dinge, die keine Zahl jemals fassen kann.

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