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Im Lernrausch

Drogen gehören in den verruchten Nachtclub? Falsch gedacht. Rauschmittel wie Ritalin oder Speed dienen nicht nur als Stimmungsaufputscher, sondern haben sich auch längst in den Lernalltag einiger Studierender geschlichen. Zwei Konsumenten berichten von ihren Erfahrungen. Von Karolin Tockhorn

Drogen wie Ritalin können die Konzentration erhöhen - bergen aber auch gefährliche Risiken. Illustration: Eugènia López Duran

Drogen wie Ritalin können die Konzentration erhöhen – bergen aber auch gefährliche Risiken. Illustration: Eugènia López Duran

Mit 17 Jahren sniffte Samuel* das erste Mal Amphetamine. Das Rauscherlebnis war kein schönes. Er und seine Freunde gerieten in eine Polizeikontrolle. Es passiert nichts, trotzdem wurden sie panisch. Sobald Samuel zu Hause war, musste er sich übergeben. “Voll drauf” seien sie damals gewesen, sagt Samuel. Trotzdem nimmt der FU-Student die Droge bis heute. Nach der ersten Einnahme konnte Samuel die Finger nicht von der tückischen Substanz lassen. Vielleicht war es die Neugier, vielleicht der Adrenalin-Kick. Der Konsum von Speed integrierte sich schnell in seinen Alltag, schnell kamen andere Drogen wie MDMA und Ketamin hinzu.

Bald fing er an, Speed auch zum Lernen einzunehmen. Auf der Droge sei sein Kopf frei von unnötigen Gedanken. Samuel findet es nicht verwerflich, Amphetamine zur Prüfungsvorbereitung einzusetzen. „Andere halten sich schließlich auch mit Koffein wach“, sagt er zum Vergleich. Einmal zog er sogar unmittelbar vor einer Klausur Pep. Das Ergebnis war seine bisher beste Note. Dass solche Erfolgserlebnisse den Konsum so gefährlich machen, weiß der Student genau. Denn wenn der Plan funktioniere, habe man schließlich keinen Grund aufzuhören. An die Nebenwirkungen wie Schlafstörungen, innere Unruhe oder Appetitlosigkeit hat sich Samuel inzwischen gewöhnt. Außerdem sei Speed eine Droge, die gut in unsere Gesellschaft passe: Der Wachmacher, der es uns ermöglicht, auf Abruf 100 Prozent zu geben – bis eben gar nichts mehr geht. Denn der Konsum ist ein Tanz auf dem Drahtseil. „Man kann so schnell die Kontrolle verlieren – dafür muss sich nur eine winzige Sache im eigenen Leben ändern.“

Offizielle Zahlen zum Drogenmissbrauch unter Studierenden gibt es nicht. Die psychologische Beratungsstelle der FU gibt an, dass sich nur sehr wenige Studierende dort melden, um vertraulich über ihren Drogenkonsum oder Suchtprobleme zu reden. Auch Samuel will seinen richtigen Namen nicht nennen, er hat Angst vor rechtlichen Konsequenzen. Denn beide Drogen sind illegal, sie fallen unter das Betäubungsmittelgesetz. Ritalin ist bloß zur Behandlung von ADHS erlaubt. Und das nicht ohne Grund: Felix Betzler von der Charité erklärt, dass eine Verbindung zwischen chronischem Konsum und bestimmten kognitiven Funktionen festgestellt worden sei, zum Beispiel komme es bei Langzeit-Konsumierenden häufig zu Störungen im Arbeitsgedächtnis. Auch wer Speed oder Ritalin nur selten konsumiert, habe oft mit „Durchhäng-Phasen“ zu kämpfen. Man fühle sich dabei antriebslos, sei schnell gereizt und von inneren Unruhe verfolgt.

Auch Tobias* hat die schlechten Seiten des Konsums erlebt. Die Pillen hatte er von einem Freund bekommen, der sie schon seit langem zum Lernen einsetzte und von der Wirkung überzeugt war. Tobias war allerdings kaum in der Lage, einen komplexen Gedanken zu fassen – die Drogen machten ihn high, nicht konzentriert. Er hatte zwar während des Rausches das Gefühl, den Lernstoff zu verstehen, im nüchternen Zustand musste er jedoch feststellen, dass seine Ergebnisse nicht halb so gut waren, wie er sie sich ausgemalt hatte. Nach einer Woche Ritalin-Doping erzielte er eine seiner schlechtesten Noten jemals. „Das war das erste und letzte Mal, dass ich Ritalin genommen habe“, beteuert Tobias.

Doch gerade vor diesem funktionellen Einsatz der Substanzen zu Lernen warnt Betzler: „Wer in dieser Situation Amphetamin einsetzt, kann schnell darauf kommen, auch in anderen anstrengenden Situationen darauf zurückzugreifen“. Besonders Speed sei dann gefährlich, da es im Regelfall illegal hergestellt und gestreckt werde. Mit Ritalin werde zumindest ein zugelassenes Medikament konsumiert.

Auch Samuel hat die Gefahr seines Konsums erkannt. Die Drogen bahnen sich schleichend ihren Weg in den Alltag und werden zu mehr als nur einem Aufputschmittel während der Lernphase. Trotzdem weiß Samuel, dass er in naher Zukunft nicht aufhören wird. Dass es nicht auf ewig so weitergehen kann, ist ihm aber bewusst: „Spätestens wenn ich eine Familie habe, ist der Drogenkonsum für mich tabu.“

*Namen durch die Redaktion geändert

Dr. Felix Betzler hat eine Umfrage unter Studierenden in Berlin zum Konsummuster und zur Konsummotivation verschiedener Substanzen organisiert. Der Fragebogen ist online unter www.drugsurvey.de zu finden.

Wer Hilfe braucht, kann sich an die psychologische Beratungsstelle der FU wenden, per Mail an psychologische-beratung@fu-berlin.de oder telefonisch unter (030) 838 52247.

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