Morgens Friedhof, mittags Uni

Berlin ist die Stadt der unzähligen Möglichkeiten, vor allem, wenn es darum geht, einen Nebenjob zu finden. Unser Autor machte sich auf die Suche – und fand ein Jobinserat für eine Beschäftigung der düsteren Art. Von Paul Lütge

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Auch kleine Menschen sind als nebenberufliche Sargträger*innen geeignet. Illustration: Manon Scharstein

Ich habe kein Geld. Ich muss eine Hausarbeit schreiben und habe keine Lust. Die Lösung für dieses doch sehr häufige studentische Problem: Job suchen. Oder zumindest im Internet durch Jobbörsen blättern. Denn Jobs für Studierende gibt es in Berlin wie Sand am Meer. Bierausschank in der Szene-Bar, Kaffee und Kuchen für die Generation 60+, intellektueller Kraftsport als studentische Hilfskraft – Beschäftigung findet sich eigentlich immer. Ich mache das zwar nicht zum ersten Mal, aber heute fällt mir eine Annonce ins Auge, von der ich zuvor noch nicht gehört habe. Das Bestattungsunternehmen Eschke sucht nach Studierenden, die als Sargträger*innen aushelfen wollen.

Das Angebot wirkt auf den ersten Blick bizarr. Aber Studieren bedeutet Weiterfragen – so lautet eine beliebte Definition verschiedener Dekan*innen bei selten hilfreichen Einführungstagen. Bei genauerem Hinsehen scheint diese etwas spezielle Dienstleistung gar nicht mal so unattraktiv. Angenehme Arbeitszeiten: nur während der Woche, meistens vormittags. Das Wochenende bleibt also wortwörtlich fürs Leben frei. Gutes Geld: Trauernde scheinen extrem trinkgeldfreudig zu sein, zumindest laut Erfahrungsberichten. Und auf jeden Fall spannende Geschichten, um ewig gleichen Party-Smalltalk aufzubrechen. Also alles, was für einen Studijob von Bedeutung ist. Naja, außer Networking, aber es sterben ja auch wichtige Leute, also wer weiß. Schließlich gewinnt der Student in mir gegen meine inneren Spießer. Also greife ich zum Telefon.

Nach anfänglicher Euphorie kommen jedoch die Zweifel. In meinem bisherigen Leben habe ich eher keine Bodybuilder Karriere verfolgt. Bin ich wohl der geeignete Kandidat für das Tragen schwerer Särge? Janina Eschke, die Geschäftsführerin des Bestattungsunternehmens, beruhigt mich. Zwar sollte man als Sargträger*in über eine gewisse körperliche Belastungsfähigkeit verfügen. Stark wie Hulk muss man anscheinend aber nicht sein. „Die Särge werden nicht auf den Schultern, sondern mittels Seitengriffen getragen. Auch kleine Leute sind deshalb für den Job geeignet“, erklärt sie mir.

Wichtiger als Körpergröße und Kraft sei es, ein Gespür für das richtige Verhalten bei Beerdigungen zu haben. „Ruhiges und seriöses Auftreten ist uns sehr wichtig. Auch auf das Äußerliche ist deshalb unbedingt zu achten!“, erläutert Eschke. Wer also stilvolle Gesichtstattoos hat und gerne in unangebrachter Weise bei seinem Job im Mittelpunkt steht, sollte sich wohl doch eher als Berghain-Türsteher versuchen. Weil man sich als Sargträger viel mit dem Tod befasst, sollte man zudem emotional belastbar sein. Wer Woche für Woche die Trauer der Angehörigen erlebt, muss aufpassen, angesichts des standardisierten Beerdigungs-Ablaufs nicht dem Zynismus zu verfallen. Wenn das dann auch noch mit der unweigerlichen studentischen Orientierungskrise zusammenfällt, stellt diese Arbeit eine ganz eigene Herausforderung dar.

So hält sich dann auch die Waage: Neugier und Geld auf der einen Seite, düstere Stimmung und Unsicherheit auf der anderen. Schlussendlich halte ich mich an ein uraltes studentisches Prinzip: Der Tod lässt sich zwar nicht aufschieben, alles andere aber schon. Im erweiterten Vorbereitungsprozess der Hausarbeit schreibe ich also eine eher halbherzige Bewerbung und überlasse die Entscheidung dem Schicksal. Eine gute Geschichte ist es immerhin jetzt schon.

Autor*in

FURIOS Redaktion

Unabhängiges studentisches Campusmagazin an der FU seit 2008

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