2,8 Kilo Zeitgeschichte: „Der NSU-Prozess“ | FURIOS Online

2,8 Kilo Zeitgeschichte: „Der NSU-Prozess“

Das Buch „Der NSU-Prozess. Das Protokoll.“ ist die erste vollständige Mitschrift der Verhandlungen gegen Beate Zschäpe und ihre Mitangeklagten. Julia Marie Wittorf hat sich der 2.000 Seiten angenommen.


Fünf Bände, 2.000 Seiten: Das Protokoll des NSU-Prozesses. Bildmontage
Foto: Julia Marie Wittorf, Illustration: Joshua Leibig

In einen schwarzen Schuber ist es gehüllt: das Protokoll des NSU-Prozesses. NSU, das steht für „Nationalsozialistischer Untergrund“, für zehn Morde, drei Sprengstoffanschläge, eine Brandstiftung und 15 Raubüberfälle aus rassistischer Motivation. 438 Verhandlungstage im Oberlandesgericht in München wurden auf über 2.000 Seiten niedergeschrieben. Kann ein solches Projekt der Komplexität einer beispiellosen rechten Mordserie und ihrer Folgen für die Bundesrepublik gerecht werden?

Journalistischer Auftrag erfüllt

Nein, natürlich nicht, aber darauf zielt diese Publikation auch nicht ab. Wenigen dürfte bekannt sein, dass eine offizielle Mitschrift des Prozesses nie vom Senat bewilligt wurde. Diese gängige Praxis in deutschen Strafprozessen führte zu einer besonderen Herausforderung für viele Journalist*innen. Um ihrer Aufgabe der Informationspflicht gegenüber der Öffentlichkeit adäquat nachzukommen, schrieben einige das Verhandlungsgeschehen zum Teil minutiös mit – ganze fünf Jahre lang.

So auch in diesem Fall, wobei sich das vierköpfige Autor*innenteam selektive Kürzungen vorbehielt. Im Gegensatz zum Online-Blog der Initiative NSU-Watch verzichteten Rammelsberger, Ramm, Schultz und Stadler auf jegliche Kommentierung. Das könnte vor allem Fachfremde an einigen Stellen irritiert zurücklassen, wenn Zeug*innenaussagen und Beweisaufnahmen in einer wirr anmutenden Reihenfolge den Prozessverlauf bestimmen. Obgleich die Autor*innen keine juristische Vollständigkeit für sich beanspruchen, liegt hier die größte Schwäche des Buchensembles.

Eine besondere Stellung nimmt das fünfte Buch der Reihe ein. Es bietet in seiner Form als „Materialien“-Sammlung ein beachtliches Nachschlageregister zu diversen Themenbereichen des Falls. Wer die Lektüre im Hinblick auf einen konkreten Ansatz verfolgen möchte, erhält hierdurch wertvolles Geleit. Somit bietet diese Publikation in aller erster Linie Interessierten eine leicht zugängliche Wiedergabe der prozessualen Geschehnisse – und erfüllt damit seinen journalistischen Auftrag.

Weil nicht sein konnte, was nicht sein durfte

Besonders eindrücklich geben die langen Vernehmungen von unkooperativen Zeug*innen Antwort auf die Frage, was diesen Prozess so zermürbend machte. Vor allem aber sind es die sprachlichen Unterschiede zwischen Polizist*innen und Verfassungsschützer*innen, Nebenkläger*innen und Verteidiger*innen sowie Sachverständigen und rechten Gesinnungsgenoss*innen, welche dazu beitragen, die feinen Nuancen und tiefen Abgründe der Geschehnisse greifbarer zu machen.

Wofür steht nun dieses „Stück deutscher Zeitgeschichte“, wie es im Verlagstext heißt? Wenn der NSU-Komplex jahrelang für unmöglich gehalten wurde – weil nicht sein konnte, was nicht sein durfte –, dann ist spätestens seit dem Urteil im Sommer 2018 ein solch vollumfänglicher Abdruck notwendig. Mindestens, um das Geschehene festzuhalten; vielmehr aber noch, um das gesamtstaatliche Versagen offenzulegen. Dieses Schwergewicht von einem Buch darf sich daher zu Recht rühmen, einen wichtigen Teil zur öffentlichen Auseinandersetzung mit dem NSU-Komplex beizutragen.

„Der NSU-Prozess. Das Protokoll.“ von Annette Rammelsberger, Wiebke Ramm, Tanjev Schultz und Rainer Stadler ist im vergangenen Oktober im Verlag Antje Kunstmann erschienen. Wer sich die gebundene Ausgabe für 80 Euro nicht leisten kann oder möchte, dem seien die fünf Bände im Offenen Magazin der Universitätsbibliothek empfohlen.

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