FURIOS Undercover: Ich versteh nur Bauhaus

Bei seiner verdeckten Mission an der Kunsthochschule Weißensee lavierte sich Lukas Rameil durch ein Kommunikationsdebakel – extravagante Menschen auf Stahlrohrstühlen versüßten ihm den Aufenthalt dennoch.

Ostberliner Tristesse am Morgen – die Kunsthochschule Weißensee. Bild: Lukas Rameil, Montage: Anselm Denfeld

Mitten im tiefsten Ostberliner Gefilde stehe ich also vor diesem grauen unförmigen Gebäude, das der morgendliche Dunst noch halb verschluckt hat. So ähnlich hatte ich mir eine Oberstufe in Brandenburg vorgestellt, nicht die Kunsthochschule Weißensee. Warum musste ich mich auch aufdrängen und zur Undercover-Mission melden? Ach ja, ich wollte mit ein paar frischen Impressionen im Gepäck am Dahlemer Elfenbeinturm rütteln, mit süffisanter Miene nach oben rufen: „Alle mal runterkommen! Die Kunst des Lebens spielt sich hier unten ab“. In Weißensee, wirklich?

Unbedacht ging es weiter mit einer nachlässigen Vorbereitung, die sich während der Google-Recherche in der Auflistung der Studiengänge verlief: Textil- und Produktdesign, Malerei, Bildhauerei…IIch musste mich verloren haben beim Gedanken an Cordhosen tragende Zwanzigjährige mit schwarzen breitkrempigen Hüten auf, in lange verwaschene Parkas gehüllt, aus deren tiefen Taschen Hammer und Meißel hervorlugen.

Beim Betreten des lichterfüllten Foyers spüre ich sofort, dass Brandenburg weit weg ist: Menschen tragen silberne Federohrringen, hier und da blitzen die grazilen Plateauschuhe aus den 90ern auf und manch eine feine karierte Stoffhose bauscht sich im Schritttempo – nur nach breitkrempigen Hüten suche ich vergeblich. Alle wirken geschäftig und gleichzeitig lächelnd zugewandt. Schwitzend wird mir klar, dass hier jeder die Gretchenfrage („Und woraus ziehst du Inspiration?“) und anderes Hochtrabendes abfeuern könnte.

Uni oder Kaffeekränzchen?

Durch eine Schwingtür aus feinem Holz und Glas trete ich schließlich ein in den Raum, den sie hier Kantine nennen. Dabei erstreckt sich vor mir eher ein Kaffeehaus-Panorama: Zwischen aufgeklappten Laptops und bunten keramischen Wandtellern fläzen sich junge Menschen auf breiten Holztischen und tadellos schicken Stühlen. Ein rascher Blick auf die Teller zeigt aber: Flair deutlich besser als Dessert – das Essen kann nicht mit dem Ambiente mithalten. Mit meinem Kaffee lasse ich mich schließlich auf einem der noch freien Plätze neben einer Gruppe nieder und beobachte sie: Small-Talk, Bussi hier, eine innige Umarmung da, manchmal das Theatralische streifend, und in alle Himmelsrichtungen wird „Naa, du“ oder „Hey“ geworfen.

Ich fasse den spontanen Entschluss, mich der Sache noch mehr anzunehmen und setze leicht säuselnd zu einer halbe Frage an: „Was habt ihr hier nur für fesche Stühle?“, probiere ich es bei meiner Sitznachbarin. Ein kurzer Moment der Verwirrung, dann sagt sie schnell „Bauhaus“ und legt dabei die Stirn in Falten. Ich nicke andächtig. „Ah, ja?“. Weil sich ihre Stimme überschlägt, verstehe ich nur „Stahlrohrstühle“ und „Weg vom Ornament“. Und weil ich mich nicht in Details verlieren will, denke ich, damit kann man arbeiten. Ich klopfe sanft auf den Tisch und verabschiede mich.

Dreistigkeit vermiest die Tour

Ein bisschen verloren schlendere ich durch Stockwerke und Flure und schaue verstohlen in einen der offenstehenden Räume. Vor mir sitzen junge Designer*innen an riesigen Tischplatten mit Zetteln, Stoffen und Nähmaschinen darauf. Ich gehe hinein und die Stimmung ist super, bis ich anfange wahllos Fotos zu schießen. Eine Frau kommt auf mich zu und führt mich, eingehakt wie einen senilen Rentner, zurück auf den Flur. Was oder wen ich denn hier suche? Fotografieren sei ganz schlecht, schon gar nicht ohne Fragen.

Dennoch kommt sie ins Plaudern, aber vor lauter peinlicher Verlegenheit schnappe ich nur „Zwischenprüfung“ und „Ernst der Lage“ auf. Die Verabschiedung fällt kühl aus und ich nehme die Treppe in Richtung Exit. Auf dem Weg denke ich ratlos an Dahlem und die Impressionen und stehe irgendwann schon wieder vor dem Hauptgebäude. Obwohl es wie aus Kübeln gießt und meine Schuhe in Wasserlachen stehen, wirkt auf einmal alles nur noch halb so trist. Ich versenke mein Bildhauer Klischee und flitze zur Tram: Raus aus dem Bauhaus, rein in den eigenen Elfenbeinturm.

Autor*in

FURIOS Redaktion

Unabhängiges studentisches Campusmagazin an der FU seit 2010

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