FURIOS schwärmt: Pauschalurlaub in der Hölle

Ein Aufenthalt im All-Inclusive-Hotel kann die Freude am Leben neu entfachen – weil man das Unerträgliche durchsteht. Kein Film zeigt das so schön wie Club Las Piranjas”, meint Michael Reinhardt.

Red Piranhas. Foto: Stig Nygaard, Flickr

In unserer Ferienserie „FURIOS schwärmt“ stellen unsere Autor*innen eher unbekannte oder unterschätzte Personen, Gruppen oder Genres ins Rampenlicht.

„Wollen auch Sie entspannen? Wollen auch Sie den Alltag hinter Ihnen lassen?“, werde ich gefragt. Natürlich! Gerade die Semesterferien sind die richtige Zeit, um Geld zu verprassen und fremde Kulturen kennenzulernen. Es wäre aber zu langweilig und vorhersehbar, sich dem aktuellen Trend zur Individualreise hinzugeben. Statt also Preisvergleichsportale zu durchforsten und Übernachtungen in fremden Wohnungen zu buchen, begebe ich mich lieber in ein Reisebüro der 1990er Jahre.

Dort blättere ich noch in gedruckten Katalogen und suche das für mich passende Pauschalangebot. Die Poolgröße ist dabei wichtiger als die Nähe zum Meer. Der Tagesablauf sollte durchgeplant und die Ausflüge spannend sein. Ich suche ein exotisches Reiseziel, vielleicht Antalya, Fuerteventura…nein, Ägypten!
So entscheide ich mich, ein Piranja zu werden und damit alle Verantwortung (und den Reisepass) abzugeben.

Bienvenudo heißt willkommen

Wer nun denkt, ich spinne, der hat den Film „Club Las Piranjas” noch nicht gesehen. Denn diese NDR-Komödie aus dem Jahr 1995 vereint die schlimmsten Reiseerfahrungen zu einem pauschalen Höllentrip.

Der Pool ist in diesem Hotel ebenso defekt wie die Toilette. Der Ausflug „Land und Leute“ ist nur ein Spaziergang durch die Wüste. Die Kinder spielen mit Ratten und Totenköpfen. Am sehr jungen Reiseleiter Edwin (gespielt von Hape Kerkeling) und seiner dümmlich dreinblickenden Kollegin Biggi (Angelika Milster) perlen all diese Probleme ab. Auch Clubdirektorin Dr. Renate Wenger (eine herrlich selbstironische Judy Winter) interessieren keine Beschwerden. Sie lässt lieber die Philosophie des Hotels für sich sprechen: „Gastgeber sein bedeutet Freunde. Gäste bei sich aufzunehmen bedeutet Menschen, die Freunde sind. Freizeit bedeutet auch Freiheit. Und Sie sind solche Menschenfreunde. Und bienvenudo heißt willkommen.“

Trotz dieser wärmenden Worte beginnen die Urlauber, paranoid Fluchtpläne zu schmieden. Denn das Hotel darf „aus Sicherheitsgründen” auch nicht mehr verlassen werden. Aber warum sollte jemand überhaupt fliehen wollen, wenn hier drinnen extra für die „pergische Nacht“ ein Atomium aus Klopapier gebaut wurde?

Nach knackigen 89 Minuten kann zumindest ich aus diesem Albtraum entkommen. Zurück bleibt die Erkenntnis, dass sich die öffentlich-rechtlichen Sender früher mehr getraut haben.

Bekloppt war gestern

Inzwischen hat „Club Las Piranjas” bei vielen Kultstatus erreicht, auch bei mir. Doch trotz Fangruppen, die inoffizielle Clubuniformen und Piranja-Taler produzieren, bleibt der Film ein Geheimtipp. Das liegt auch daran, dass er nicht legal gestreamt werden kann. Er ist nur auf DVD erhältlich und wird auch nicht mehr ausgestrahlt.

Das ist enttäuschend, denn derartige Satiren werden von den öffentlich-rechtlichen Sendern auch nicht mehr neu produziert. Ein so bekloppt-extravagantes Drehbuch wurde 1995 noch mit viel Geld und Liebe umgesetzt. Heute käme es kaum am ersten Redakteur vorbei, weil es kein Krimi, kein Drama oder nicht mit Christine Neubauer besetzt ist.

Wer also aus dem Pauschalfernsehen ausbrechen will, sollte seine individuelle Reise in den „Club Las Piranjas” und damit in die absurden Ecken der Komik buchen. Oder wie es Edwin zusammenfasst: „So, dann haben wir auch genug gesehen und jede Menge Spaß gehabt!“

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