FURIOS schwärmt: Mit Benjamin auf Kindheitsspuren | FURIOS Online

FURIOS schwärmt: Mit Benjamin auf Kindheitsspuren

Der Philosoph Walter Benjamin ist nicht in erster Linie für seine Literatur bekannt. Sie zu lesen ist dennoch sehr lohnenswert, findet Lukas Rameil.

Walter Benjamin. Unverändertes Foto von Antonio Marin Segovia, Flickr

In unserer Ferienserie „FURIOS schwärmt“ stellen unsere Autor*innen eher unbekannte oder unterschätzte Personen, Gruppen oder Genres ins Rampenlicht.

Man stolpert eher zufällig über das literarische Werk von einem der meist gelesenen Philosophen des 20. Jahrhunderts. Walter Benjamin, dessen Name über Philosophie- und Literaturzirkel hinaus bekannt ist, hat nicht nur theoretische Abhandlungen hervorgebracht, sondern auch faszinierend gute Prosa.

So zum Beispiel den autobiografischen Erzählband „Berliner Kindheit um neunzehnhundert“. In diesem berichtet Benjamin in über vierzig Miniaturen über die vergangene Welt seiner Kindheit, die sich in einem gutbürgerlichen Westberlin um die Jahrhundertwende abspielt. Die Erzählkonstruktion ist dabei nicht uninteressant: Es spricht ein zurückblickender Erwachsener, der den staunenden Blick des Kindes von damals rekonstruiert und ihm eine poetische und zugleich präzise Sprache anverwandelt. Das Erlebte wird dabei entlang einer Stadttopographie erzählt, deren Wahrnehmung zur Erinnerung selbst wird.

Die Umgebung wird magisch aufgeladen

Schauplätze der Geschichten sind die gutbürgerliche Wohnung, Park- und Zooanlagen, Straßenzüge und die Sommerresidenz bei Potsdam. Alles scheint durch Kinderaugen bedeutungsvoll: Der Fischotter im Zoologischen Garten wird wegen seiner Wasserversessenheit zum „Stadtgott des Regens“ gekürt und der Anblick von städtischen Lüftungsschächten lässt den Knirps schaudernd an das „bucklicht Männlein“ aus einem Kinderbuch denken. Der kindlichen Wahrnehmung haftet etwas Magisches an, die scheinbar banale Welt wird mit Sinn und Sinnlichkeit gefüllt.

Immer wieder geht eine besondere Wirkung vom Gegenständlichen aus: Die mächtigen ornamentverzierten „Loggien“ (Balkone) der Berliner Höfe üben eine Faszination auf das Kind aus, die sich über Jahre erhält und erst vom erwachsenen Erzähler formuliert werden kann: Die hauseigene „Loggia“, „neben der sich nichts Flüchtiges behauptet“ und unter deren Schutz „Ort und Zeit zueinander finden“, wird zum Sinnbild der Beständigkeit und im Kontrast zum Leben für das Kind fühlbar.

„Alles Geschriebene drängt zum Bild“

Die „Berliner Kindheit um neunzehnhundert“ ist ein Versuch autobiografischen Schreibens, der um die Frage kreist, wie sich Erlebtes erinnern und wie sich Erinnerung sprachlich ausdrücken lässt. Nicht ohne Grund belässt Benjamin die Texte ohne chronologischen Faden. Für ihn entfalten allein Räume und deren Bildhaftigkeit die Struktur der Erinnerung. Das Ergebnis sind verdichtete Momentaufnahmen, die Benjamin Denkbilder nannte und auch seine anderen Prosatexte durchziehen. Denn für ihn war programmatisch: „Alles Geschriebene drängt zum Bild“.

Zeit- und Gedankensprünge sowie historische Referenzen machen die „Berliner Kindheit“ beim ersten Lesen nicht leicht zugänglich. Die wunderbar rhythmische Sprache aber hält zu einem zweiten Anlauf an. Man kann sich nach Belieben auf die philosophischen Pfade Benjamins begeben (die Regale der Unibibliothek strotzen vor ihm) und das Werk tiefgreifender fassen. Das braucht es aber nicht, um die Sinnlichkeit der Texte zu spüren – und um dazu inspiriert zu werden, auf den Spuren der eigenen Kindheit zu wandeln.

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