Kippbilder des Clemens J. Setz | FURIOS Online

Kippbilder des Clemens J. Setz

Der Schriftsteller Clemens J. Setz hat die diesjährige Poetik-Professur des Peter-Szondi- Instituts inne. Lukas Rameil war beim Auftakt der Vorlesungsreihe dabei, die den rätselhaften Titel „Kombination und Widerstand“ trägt.

Schriftsteller Clemens J. Setz kann nicht mehr wegsehen, als er das Grauen erblickt.
Foto: Sören Maahs

„Was sehen Sie?“, fragt ein leger gekleideter Mann mit Rauschebart unverbindlich in den hitzigen, voll besetzten Raum des Seminarzentrums. Lehrende, Interessierte und vor allem Studierende schauen gebannt an die Wand, auf die ein Beamer ein schönes und zugleich merkwürdiges Bild projiziert.

Der Mann vorne am Pult ist Clemens J. Setz, ein österreichischer Autor, der für sein zartes Alter von 36 Lebensjahren bereits eine erstaunliche Anzahl an Büchern veröffentlicht hat, wobei sein schriller Roman “Die Stunde zwischen Frau und Gitarre” erwähnt sein sollte. Darin, wie in den meisten seiner oftmals grotesken Geschichten, tummeln sich Freaks und Neurotiker, die naturgemäß “weirde” und “obsessive” Dinge tun – nicht selten unter Zuhilfenahme neuester Technik. Ein Autor also, der am Puls der Zeit schreibt.

Der Literaturbetrieb würdigt ihn dafür reichlich, zuletzt gab den 30.000 Euro schweren Berliner Literaturpreis, der mit der Berufung an die FU einhergeht.

Das Grauen liegt manchmal im Schönen

Zurück zum Bild: Setz spinnt seinen Vortrag um eine Anekdote über einen Besuch im Fitnessstudio, in dessen Foyer er auf das Gemälde stößt. Aus der Ferne muss er zunächst an zwei große ausstaffierte Kirchenfenster denken. Beim Herantreten offenbart sich ihm jedoch etwas anderes, etwas Grauenvolles: Entblößte Leiber, angeordnet auf einem Schiffsdeck, darunter die Umrisse einer Weltkarte. Setz wirft eine zweite Version an die Wand, jetzt in Nahaufnahme, nickend quittiert das Publikum, vereinzelnd Schaudern.   

Ein kurzer Moment und die Welt erscheint in einem anderen Licht, für Setz kann es dabei kein Zurück zu anmutigen Kirchenfenstern mehr geben. Er konfrontiert das Publikum mit dem Kippmoment, das den ästhetischen Blick zum moralischen Problem werden lässt. Auch die „seelenlose“ aber poetische Metaphorik von “nine eleven” schlage in solch eine Kerbe: „Ein Fall wie glühende Zigaretten im Zeitraffer“. Dem Grauen hafte manchmal das Schöne an, oder umgekehrt, so die Auseinandersetzung. Es ist kein trockener Vortrag, der Autor spricht frei, seine Gedanken formt er beim Sprechen, manchmal kommentiert er sie: “Jesus, was eine Binsenweisheit”. Sympathien aus dem Publikum sind ihm an diesem Abend sicher.

Werkstattgespräche folgen auf Vorlesung

Der Titel der Vorlesung “Kombination und Widerstand” scheint auch nach sechzig überladenen Minuten rätselhaft. Vieles wurde gestreift, am Ende blieb vor allem das Bild hängen und die Frage nach ästhetischer und instabiler Wahrnehmung. Setz gestand, ein Teil seiner Planung fiel unter den Tisch, der rote Faden litt merklich darunter. Der guten Stimmung tat das aber keinen Abbruch, spannende Impulse von einem erfrischenden Clemens J. Setz machten die Antrittsvorlesung zu einem lohnenden Ereignis.

Zur Gast-Professur gehören traditionell Werkstattgespräche mit dem Autor, an denen eine kleine Anzahl ausgewählter Bewerber*innen teilnimmt. Sie können sich auch dieses Jahr auf einen intensiven Austausch freuen. Alle anderen Interessierten haben die Möglichkeit in den kommenden Vorlesungen ihren Eindruck über einen wichtigen zeitgenössischen Schriftsteller zu schärfen, oder sich einen ersten zu verschaffen.

Infos über die weiteren Vorlesungen gibt es auf der Seite des Peter-Szondi-Instituts.

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

„Wer wählen kann, sollte das auch tun“

Am 7. und 8. Mai wird der akademische Senat an der FU neu gewählt. Roxanne Honoradoost hat mit studentischen Mitgliedern des Gremiums über ihre Arbeit gesprochen.  » weiterlesen