Keine strahlenden Aussichten | FURIOS Online – Campusmagazin an der FU Berlin

Keine strahlenden Aussichten

Die Atomkraft soll in Deutschland abgeschafft werden, nur noch sieben Kernkraftwerke sind am Netz. Marcel Jossifov war im Offenen Hörsaal, wo auf die deutsche Geschichte der Kernkraft zurückgeblickt wurde.

Der leistungsstärkste Reaktorblock Deutschlands Isar II wird 2022 stillgelegt. Quelle: Wikimedia Commons, Von E.ON Kernkraft GmbH – E.ON Kernkraft GmbH, CC BY-SA 3.0

An Zuggleise gekettete Demonstranten, aufmarschierende Bereitschaftspolizei – kaum etwas wird so stark mit den Antiatomdemonstrationen verbunden wie die umkämpften Castortransporte. Dabei galt die Atomkraft vielen einst als Hoffnungsträger. Sie sollte nicht nur eine unendliche, sondern auch eine saubere Energiequelle sein. Der Historiker Jan-Henrik Meyer vom „Max-Planck-Institut für europäische Rechtsgeschichte“ unterscheidet in drei Phasen der Geschichte der Atomkraft: Die der Euphorie, des Konflikts und der Abschaltung.

Atomkraft für den Frieden

In den 1950er Jahren waren viele noch euphorisch. Nachdem die Bundesrepublik Deutschland mit den Pariser Verträgen souverän geworden war, war es ihr erlaubt, die Atomkraft zu nutzen. Prompt wurde ein eigenes Bundesministerium für Atomfragen gegründet und mit unterschiedlichen Reaktortypen experimentiert. 1958 ging schließlich das erste deutsche Kernkraftwerk Kahl ans Netz.

US-Präsident Eisenhower hatte zu jener Zeit die „Atoms for Peace“-Kampagne ins Leben gerufen. Atomkraft solle friedlich und zum Wohle aller genutzt werden, verkündete Eisenhower. Und im Wettstreit der Systeme zwischen Ost und West wollten die USA mit ihren Verbündeten natürlich auch brillieren. Die beteiligten Länder seien vielfach von einem regelrechten „Technik-Nationalismus“ ergriffen gewesen, so Meyer. Vielen habe es als erstrebenswert gegolten, durch eigene Reaktoren und eigenes Uran unabhängig von anderen Staaten zu sein.

Vorreiter oder Außenseiter?

Schon bald kamen jedoch erste Proteste auf, denn sauber war die Atomkraft ganz und gar nicht. Atommüll gibt auch noch nach tausenden Jahren gefährliche Strahlung ab. Die Phase des Konflikts begann. Nach den 1968ern wuchs die Umweltbewegung immer weiter. Ab Mitte der 1970er Jahre kam es dann zu ersten Großprotesten: Brokdorf, Gorleben, Wackersdorf – Namen, die den meisten bekannt vorkommen dürften. Aus der Umweltbewegung gingen schließlich die Grünen hervor.

Heute befinden wir uns in der Phase der Abschaltung, so Meyer. Zumindest gelte dies für Deutschland, unsere Nachbarn aktualisieren ihre Kernkraftwerke nämlich. Und die Briten stampfen derweil neue Meiler aus dem Boden. Ist Deutschland also vielleicht eher Außenseiter anstatt Vorreiter? Der Tenor des offenen Hörsaals ist klar: Vorreiter natürlich! Letztendlich muss das jedoch die Zukunft zeigen.

Zukunftsmusik

Gleiches gilt für die Fusionsreaktoren. Unendliche und saubere Energie – das Versprechen kommt bekannt vor – sollen sie endlich bringen, ganz ohne gefährlichen Atommüll. Doch seit Jahrzehnten wird an diesem neuen Reaktortyp geforscht, kommerziell nutzbar ist er bis heute nicht. Angesprochen auf ihre Prognosen, sind sich alle Diskutanten einig: Das wird nichts. Aber wäre es nicht eine schöne Wendung der Geschichte, wenn wir auf die schier unendliche Debatte über die Energiewende eines Tages nur noch kopfschüttelnd zurückblicken könnten? Ein bisschen träumen muss erlaubt sein.

Der Offene Hörsaal „Der Atomkonflikt in Deutschland – bis in alle Ewigkeit?“ findet dieses Semester Mittwochs von 17 – 19 Uhr statt.

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