Kultur als Grundrecht | FURIOS Online

Kultur als Grundrecht

Studierende der Uni Jena bekommen neuerdings freien Eintritt in vielen Kultureinrichtungen. In Berlin ist das auch längst überfällig, findet Philipp Gröschel.

Abends nach einem Seminar noch schnell auf ein Klavierkonzert oder sonntags ins Museum statt faul daheim rumsitzen – für Studierende in Jena wird das wahrscheinlich Alltag werden. Dank der Einführung eines Kulturtickets für zwei Euro Aufschlag auf den Semesterbeitrag lassen sich bald alle Veranstaltungen von städtischen und privaten Kultureinrichtungen, wie z.B. Philharmonie, Theater oder Museum, jederzeit und kostenlos besuchen.

Freier Eintritt für freie Student*innen

Da stellt sich doch die Frage, wieso sich in Berlin noch niemand dahintergeklemmt hat. Einen stressigen Abend in der Klausurenphase mit Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ ausklingen oder sich mal von Shakespeare statt Netflix zum Lachen bringen lassen – mehr Kultur würde den studentischen Alltag erheblich bereichern. Auf diese Weise werden auch Studis, die außer bei 90er-Partys oder Keta-Raves nicht so kulturaffin sind, motiviert, freiwillig mal ein Museum oder Theater zu betreten. Theoretisch ist all das ja schon möglich, doch wer abends zufällig an der Oper vorbeikommt und vom Spielplan begeistert stehenbleibt wird schnell von den günstigen, aber dennoch Überwindung kostenden Ticketpreisen abgeschreckt.

Die Hemmschwelle, einfach mal eine Kulturveranstaltung zu besuchen, mit der man so gar nichts am Hut hat, dürfte sich durch wegfallende Preise erübrigen. Wer also im Studium Begeisterung für Kultur entwickelt, wird sich diese sicher auch über das Studienende hinaus bewahren. Davon würden die Berliner Kultureinrichtungen dann ebenfalls profitieren.

Weckruf für schlummernde Talente

Allerdings hat Berlin auch deutlich mehr Kulturangebot als Jena. Da der Kulturbeitrag auf alle Einrichtungen verteilt wird, bleibt nach Adam Riese weniger für die einzelnen übrig, je mehr daran teilnehmen. Doch der Gewinn der Kulturszene liegt in der neuen Klientel, egal, ob Philharmonie oder Theater damit Geld verdienen oder nicht. Denn wer alles ausprobieren kann, läuft eine höhere Wahrscheinlichkeit, eine neue Leidenschaft zu finden und sich auch selbst zu engagieren. Wer gerne auf Chorkonzerte oder ins Theater geht und tief drinnen das Talent zur*m großen Performer*in beherbergt, geht vielleicht mal zu einer Probe. Manche entdecken im Theatersaal in sich selbst eine*n schlummernde*n Entertainer*in oder Theaterdiva.

Mit einem Kulturticket würde also nicht nur die zunehmende Kulturverdrossenheit mancher Studis, sondern auch das Nachwuchsproblem der Kultureinrichtungen angegangen. Unerkannte Potentiale warten in den Tiefen der Unibibliothek nur darauf, dass jemand ihnen die Mauer namens Eintrittspreis zur Kulturwelt einreißt und sie auf die Welt loslässt.

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