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Neue Flechten braucht das Land!

Flechten sind ein Musterbeispiel natürlicher Zusammenarbeit. Wer an dieser Kooperation beteiligt ist und weshalb sie fasziniert, hat Peregrina Walter am Langen Tag der Stadtnatur im Botanischen Garten herausgefunden.

Strauchflechte. Bild: Pixabay

Pilze sind hip wie nie zuvor. Ihre bunten Köpfe, unterschiedlichsten Aromen und teils berauschende Wirkung ziehen viel Aufmerksamkeit auf sich, sodass längst jeder umweltbewusste Großstadt-Hipster regelmäßig Pilze sammelt. Sobald sie aber eine symbiotische Lebensgemeinschaft mit anderen Pilzen und Algen bilden, scheint sich kaum noch jemand dafür zu interessieren. Dabei ist gerade die Flechte, so nennt man das Bündnis, ein Beispiel gelungener Kooperation in der Natur.

Die Pilzkundliche Arbeitsgemeinschaft e.V. befasst sich mit beidem – Pilzen und Flechten. Und um Interessierten zu zeigen, was an diesen Organismen spannend ist, organisierten die Pilzkundler zum Langen Tag der Stadtnatur am 25. und 26. Mai im Botanischen Garten der FU eine Ausstellung und boten exklusive Führungen an.

Was wir sammeln und verspeisen, sind meist die Fruchtkörper der jeweiligen Pilzarten. Sie sind für die Fortpflanzung zuständig und bilden nur einen Teil des Organismus. Der eigentliche Vegetationskörper ist das Myzel des Pilzes: ein Geflecht aus dünnen Fäden, welches häufig unterirdisch wächst. Nicht alle Pilze formen einen Fruchtkörper aus, ihre Artenvielfalt ist groß: Selbst Einzeller wie Hefepilze zählen dazu.

Myzelien kooperieren gerne. Sie fördern Wasser und Mineralien aus dem Boden, weil sie jedoch selbst keine Photosynthese betreiben können, schließen sie sich symbiotisch mit Pflanzen  zusammen – zum Beispiel mit Algen. Etliche Bündnisse entstehen. Manche Pilze suchen sich mehrere Algen, andere Pilze teilen sich mit weiteren eine Alge. Die Pilze sondern dann eine Flüssigkeit ab, die die schützenden Membranen der Algen durchdringt, sodass sie auf deren Kohlenhydrate zugreifen können. Im Austausch bieten die Pilze den Algen einen fruchtbaren Nährboden zum Wachsen.

Die Nähe zu anderen Flechten meiden die verschiedenen Arten und sorgen so für eine hohe Biodiversität. Denn obwohl sie das Produkt eines Zusammenschlusses sind, leben sie als zähe Individualisten. Weder extreme Temperaturen noch gehaltlose Böden hindern sie an der Ausbreitung. So wachsen sie von der Arktis bis in die trockensten Wüsten auf Stein, Beton und notfalls sogar auf Kunststoff.  Die Genügsamkeit einiger Flechtenarten hat auch das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt bereits bewiesen. Die Mischwesen überstanden eine 480-tägige Reise ins Weltall.

Monster Mensch

Einzig ein Feind erschwert den Flechten das Leben: der Mensch. Die anthropogenen Schadstoffe in Luft und Wasser dringen ungefiltert durch die Membranen der Flechten und stören deren sensibles biologisches Gleichgewicht. Das führt dazu, dass die Algen nicht mehr ausreichend Kohlenhydrate produzieren. Beide Symbiosepartner sterben.

Die Lungenflechte, bis heute der beste Bioindikator für Luftreinheit, ist fast vollständig aus den städtischen Gebieten verschwunden. Weitere Flechtenarten sind vom Aussterben bedroht. Nur besonders robuste Arten, die mit hoher Stickstoffkonzentration in der Luft umgehen können, siedeln noch in Ballungsräumen. Dort findet man sie vor allem auf Steinen und rissigen Baumrinden. Auf den ersten Blick mögen Flechten unscheinbar sein. Doch wer genauer hinschaut, wird vielfältige Schönheit erblicken.

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