Wie sich der Klerus selbst sakralisiert

Die katholische Kirche kommt aus den Negativschlagzeilen nicht heraus. Die Theologie an der FU hat die Passivität satt und will das Problem klar benennen. Julia Hubernagel war beim „Dies Academicus“ dabei.

Wo Licht ist, ist auch Schatten. In der Katholischen Kirche werfen diesen Missbrauchsfälle. Bild: Pixabay.

Als die Studentin Sera Renée Zentiks kürzlich Thesen des emeritierten Papstes Joseph Ratzinger las, platzte ihr der Kragen. Laut des Geistlichen trage die 68er-Revolution Schuld an den Missbrauchsskandalen, da „die bisher geltenden Maßstäbe in Fragen Sexualität vollkommen weggebrochen” seien. „Daraufhin habe ich Frau Bär gefragt, ob man dazu nicht was machen könnte“, sagt Zentiks. Man konnte. Auf ihren Impuls hin veranstaltete das Katholische Seminar unter Leitung von Martina Bär eine Fachtagung zur Krise der Katholischen Kirche.

Das Thema Missbrauch in der katholischen Kirche beschäftigt die Christliche Weltgemeinde schon länger. Nachdem 2010 etliche Missbrauchsfälle aufgedeckt wurden, verliert die Kirche Jahr für Jahr immer mehr Mitglieder. Fast regelmäßig werden weitere Skandale bekannt. Doch warum haben gerade die Katholik*innen ein derart großes Problem mit misshandelnden Priestern?

Kirche als absolutistische Monarchie

Die Machtstrukturen in der Kirche seien Schuld, so ist sich Daniel Bogner sicher. Laut des Theologen aus dem schweizerischen Fribourg liege das an vier aufeinander wirkenden Faktoren. „Die Hülle der Kirche, die rituelle Struktur, wird zunehmend für sakral angesehen“, erklärt Bogner. Auch die Liturgie sei womöglich betroffen. Daraus resultiere eine Untertanenmentalität, da der geweihte Amtsträger Christus auf Erden vertrete. Gefährlich sei zudem der Ausfall verbindlicher Kontrollen. „Die Kirche hat die Struktur einer absolutistischen Monarchie“, so der Theologe weiter. Dazu komme „die große Loyalität im klerikalen Sozialverband. Letztlich ist die Kirche ein sich abschottendes Männerbündnis mit eigenen Identifikationsmerkmalen.“

Schwerwiegende Vorwürfe, die Bogner gegen die Institution Kirche erhebt. Um seine Thesen zu untermauern, führt er den Werdegang straffälliger Priester heran. „Die meisten sind nicht soziopathisch oder pädophil veranlagt, sondern werden erst im Laufe der Jahre zum Täter“, meint er. Getraud Ladner stimmte dem wohl zu. Die Moraltheologin aus Innsbruck zitiert aus der Mannheim-Heidelberg-Gießen-Studie (MHG), in der man Missbrauchsfälle im Umfeld der katholischen Kirche von 1946 bis 2015 untersuchte. Demnach seien 34,9 Prozent der betroffenen Kinder und Jugendlichen Mädchen und 62,8 Prozent Jungen. „Ausschlaggebend ist nicht das Geschlecht, sondern der institutionelle Kontext“, schlussfolgert Ladner. Knabenchor und Messdienerschaft – Jungen waren zumindest bis vor einigen Jahren zahlenmäßig den Mädchen im Kirchenumfeld überlegen.

Scheu vor Selbstkritik

„Viele Täter weisen allerdings ein unreifes Sexualverhalten auf“, sagt Getraud Ladner und regt an, die Thematik in der Priesterausbildung eingehender zu behandeln. Analysen und Praxistipps aus der Universität, doch lassen sich die Probleme der Kirche von außerhalb lösen? „Der Präventionsbeauftragte des Bistums war uns sehr dankbar für die Tagung“, erzählt Organisatorin Martina Bär. „Das Thema wird theologisch kaum beachtet, da es auch immer viel Kirchenkritik enthält.“ Dabei bräuchte es gerade Beiträge von außen, „aus der Theologie, aber auch vermehrt von Opferseite“, sagt Bär. Missbrauchsopfern soll mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden. Seit 2016 etwa setzt sich die Unabhängige Kommission zur Aufklärung von Kindesmissbrauch genau dafür ein.

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