Flucht nach Westberlin | FURIOS Online

Flucht nach Westberlin

Am 13. August 1961 mauert die DDR-Führung ihre Bevölkerung ein, Berlin wird gespalten, Familien getrennt. Noch am gleichen Tag arbeiten FU-Studierende daran, Menschen durch die Mauer zu schmuggeln. Eine Fluchtgeschichte. Von Julian von Bülow

Die Berliner Mauer trennte Ost- und Westberlin von 1961 bis 1989. Illustration: Dominique Riedel

Angespannt steht die junge Frau am Hang des Parkplatzes, den Blick auf die haltenden Autos gerichtet. Sie wartet darauf, an diesem dämmrigen Oktoberabend endlich von ihrem Fahrer abgeholt zu werden. Ein Auto hält. Ein Mann kommt auf sie zu. Ist er ihr Fahrer? Wird er die weiße Blume erkennen, die sie sich angesteckt hat, so wie es ihr aufgetragen wurde? Er geht an ihr vorbei, verschwindet hinter Bäumen. Es ist wieder nur ein Mann, der auf der Interzonenautobahn zwischen Bundesrepublik und Westberlin eine Pinkelpause macht. Eva Kerns Flucht aus der DDR muss warten.

Es ist Sommer 1961 und Eva 24 Jahre alt. Sie studiert an der FU in Dahlem, wohnt jedoch im sowjetischen Sektor. Jeden Morgen pendelt sie über die Grenze, die noch keine ist. »Auf dem Weg zum Thielplatz gab es Kontrollen in den S-Bahnen. An der Grenze wollten Volkspolizisten wahrscheinlich Flüchtlinge erwischen, die ihre Sachen rüber brachten.«

Im Sommer ist es in doppelter Hinsicht soweit: Eva bereitet sich auf ihr Examen vor. DDR-Staatsoberhaupt Walter Ulbricht hingegen hat seine Vorbereitungen bereits abgeschlossen: Zwischen 1949 und 1961 siedelten mehr als 2,7 Millionen Menschen von der DDR in die BRD über. Dem soll ein Ende gesetzt werden: In der Nacht des 13. Augusts rollen Männer mit Maschinenpistolen Stacheldraht an der Grenze zwischen Ost- und Westberlin aus, später auch zwischen DDR und BRD. »Das kann ja nicht so bleiben, die werden das schon wieder öffnen, dachte sich mein Vater. Ansonsten hätten ich und viele andere in den ersten Tagen die letzten Schlupflöcher nach Westberlin genutzt«, erinnert sich Eva.

In dieser Zeit setzen sich Dieter Thieme, Detlef Girrmann und Bodo Köhler vom FU-Studierendenwerk zusammen. Sie wollen Studierenden wie Eva helfen, die im Osten wohnen und an der FU studieren. Die Kontrollen an den Grenzübergängen sind noch nicht ausgefeilt, was sich die studentischen Fluchthelfer*innen zunutze machen. Sie sammeln Pässe und vergleichen die Bilder mit denen in den Akten im Studierendenwerk. Sehen sich Leute ähnlich, werden die Pässe nach Ostberlin geschmuggelt. Anschließend schaffen es die Ostberliner*innen damit durch die Grenzkontrollen nach Westberlin.

Mit den Jahren werden die Grenzkontrollen strenger, doch die Studierenden finden neue Lücken: Gefälschte Pässe, Abwasserkanäle, selbst gegrabene Tunnel, Zugfahrten nach Skandinavien, umgebaute Autos. Sogar Polizei und Verfassungsschutz der BRD geben Blanko-Ausweise und Rückendeckung bei Fluchtaktionen. Studierende aus der gesamten Bundesrepublik und dem Ausland stellen den Westberlinern*innen ihre Pässe zur Verfügung, um den Menschen zur Flucht aus der DDR zu verhelfen. 

»Mit dem Mauerbau war die Selbstverständlichkeit, in beiden Systemen zu leben und sie zu diskutieren, auf einen Schlag vorbei«, sagt Eva heute. Damals hatte sie Glück: »Mein damaliger Freund lebte in Westberlin. Sein westdeutscher Freund kam zu mir über die Grenze und sagte, sie hätten jemanden, der mich für 300 Mark rüber schmuggeln würde. Das habe ich sofort angenommen!«

Doch der Plan ist gefährlich: Der Stasi gelingt es immer wieder, Spitzel in die Riege der Fluchthelfer*innen zu schleusen. Sie lassen viele Aktionen schon im Vorfeld scheitern und mit Verhaftungen und Schauprozessen enden. In den Stasi-Akten sind die Fluchthelfer*innen als gewaltbereite Mitglieder einer Terrororganisation gelistet. Dennoch finden Fluchtaktionen statt: Nach Angaben des ehemaligen Fluchthelfers und FU-Studenten Burkhart Veigel flohen zwischen 1961 und 1970 etwa 8.000 Menschen aus der DDR in die BRD. 

»Auf dem Interzonenparkplatz kam etwas verspätet ein junger Mann auf mich zu. Da war ich wie erlöst«, sagt Eva heute. Er bittet sie, in den umgebauten Mercedes einzusteigen. Die hintere Sitzbank wurde erhöht. Eva kriecht darunter. Kurze Zeit später kann Eva in der Dunkelheit ihres Verstecks die Stimmen an der Grenzkontrolle mithören. Passkontrolle. Warten. Dann die nüchternen Worte des Grenzers: »Ja, alles in Ordnung.« Der Schlagbaum hebt sich, das Auto rollt hindurch. Willkommen in Westberlin!

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