»Jeder Mensch ist Sexist*in«

Als Sprachwissenschaftler an der FU ist Anatol Stefanowitsch einer der vehementesten Verfechter*innen politisch korrekter Sprache. Mit Antonia Böker und Rabea Westarp hat er nun über das Unsagbare gesprochen.

Anatol Stefanowitsch steht ein für politisch korrekte Sprache. Foto: Antonia Böker.

Furios: Im Internet und den sozialen Medien ist der Diskurs rau. Gleichzeitig wird immer mehr Wert auf politisch korrekte Sprache gelegt. Werden wir nun sensibler oder verrohen wir?

Stefanowitsch: Der Ton in den sozialen Netzwerken ist teilweise sehr heftig. Außerhalb des Netzes würden die meisten Menschen solche Hasspropaganda wohl nicht öffentlich äußern. Es gab sie immer schon an Stammtischen, unter Leuten, die sich gut kennen. Im Internet werden solche Reden aber plötzlich öffentlich. Die nun öffentliche Menschenfeindlichkeit ist von neuer Qualität und hat damit zu tun, dass sich Leute aufgrund ihrer gemeinsamen ideologischen Positionen finden, nicht, weil sie befreundet oder miteinander bekannt sind. Als Gegenreaktion dazu ist die politische Korrektheit wieder so stark in den öffentlichen Diskurs gerückt. Sprache wird zum Schauplatz kultureller Kämpfe.

Furios: Politisch korrekte Sprache meint auch, diskriminierende Ausdrücke und Ideen zu meiden. Welcher Schaden entsteht durch diskriminierende Sprache?

Stefanowitsch: Spannend, dass man sich die Frage überhaupt stellt, wo doch die einzige nicht diskriminierte Gruppe nicht-behinderte weiße heterosexuelle Männer sind. Alle anderen wissen, welcher Schaden durch diskriminierende Sprache entsteht – eigentlich könnte man sagen: »Frag im Zweifelsfall deine Frau, wie sich das anfühlt.«  Aber es gibt auch Studien, die den Schaden belegen: Diskriminierende Sprache führt dazu, dass Menschen ausgeschlossen werden. Je mehr unregulierte gesellschaftliche Bereiche es gibt, in denen marginalisierte Gruppen mit sprachlicher Diskriminierung rechnen müssen, desto mehr fühle ich mich als Betroffene*r im Alltag unsicher. 

Auch bleiben Leute, die sich aus der Gesellschaft zurückziehen, unsichtbar und die Gesellschaft redet sich ein, sie sei homogener als sie wirklich ist. Das kann dazu führen, dass Probleme ignoriert werden, die aber angegangen werden müssten. Die Forschung hat außerdem gezeigt, dass Gruppen, die regelmäßig herabwürdigender Sprache ausgesetzt sind, psychische und teilweise sogar körperliche Belastungssymptome aufweisen.

Furios: Ab wann ist ein Begriff denn diskriminierend?

Stefanowitsch: Was man eigentlich gerne wissen würde: Ist ein Wort in seiner Bedeutung schon herabwürdigend? In einigen Fällen ist das klar, weil die Wörter eine lange Geschichte und deshalb einen klaren historischen Kontext haben. In jedem Fall muss ich aber die betroffene Gruppe fragen. Sagen die mir, sie fühlen sich diskriminiert, dann erübrigt sich die Frage. Vielleicht kann ich mir das nicht vorstellen, aber ich muss es glauben. Leute, die täglich mit solchen Begriffen konfrontiert werden, müssen ja selber wissen, ob sie diskriminiert werden oder nicht.

Furios: Ein Wort ist also nicht einfach ein Wort?

Stefanowitsch: Nein. Die Idee kann man schnell durch ein Beispiel aus der Welt schaffen. »Hund« und »Köter« sind auch Wörter für dasselbe. Eines davon ist klar herabwürdigend. 

Furios: Ein weiteres Streitthema ist das Gendern. Gerade Gegner*innen vom Gendern argumentieren damit, dass das generische Maskulinum Frauen ebenso mit einschließt. Wie schätzen Sie das ein?

Stefanowitsch: Im Deutschen hat jeder Begriff ein grammatisches Geschlecht. Wenn Konservative nun sagen: »Wir wollen das generische Maskulinum«, dann ist das auch eine Art des Genderns. Sie sagen damit: »Wir reden einfach über Männer und die Frauen sind irgendwie dabei – oder auch nicht.«

Das generische Maskulinum wird als maskulin interpretiert. Wenn Frauen mit gemeint sind, muss das immer durch einen zusätzlichen gedanklichen Schritt erschlossen werden. In der mentalen Repräsentation sind Frauen daher unter- oder gar nicht repräsentiert. Ehrlich wäre es, gleich zu sagen: »Ich finde das Patriarchat gut und möchte deshalb eine patriarchale Sprache nutzen.« Damit könnte ich leben. Ich würde auch nie Menschen, die ich als Patriarch*innen kennengelernt habe, überreden, ihre Sprache zu gendern.

Furios: Viele Leute fühlen sich angegriffen, wenn man sie auf ihre diskriminierende Sprache hinweist. Dann folgt häufig die Entgegnung, das wäre so ja nicht gemeint und sie wären doch deshalb keine rassistische oder sexistische Person. Wie reagiert man darauf?

Stefanowitsch: Die würde ich fragen, auf welcher einsamen Insel sie aufgewachsen sind. Wie haben sie es geschafft, überhaupt keinen Sexismus und Rassismus zu verinnerlichen? Jeder Mensch ist Sexist*in. Frauen haben das meist stärker reflektiert, weil sie betroffen sind. Als Mann werde ich nicht gezwungen, mich damit auseinandersetzen. Wir beschäftigen uns häufig erst damit, wenn wir merken, wie unsere Frau oder Tochter behandelt wird. Das war bei mir auch so. Als Vater einer Tochter habe ich viel krasser gemerkt, wie Mädchen von Anfang an anders behandelt werden als Jungs. Das führt aber nicht dazu, dass man den bereits verinnerlichten Sexismus plötzlich ablegen kann. Damit muss man sich als Mann jeden Tag auseinandersetzen – das tut aber niemand. Und deshalb sind wir alle Sexist*innen, und wir sind natürlich auch Rassist*innen und alles andere, was man so an Menschenfeind sein kann. 

Es geht aber nicht darum, was man ist. Es geht darum, dass das, was man sagt, rassistisch oder sexistisch sein kann. Deshalb sollte man manche Wörter meiden, wenn man nicht bewusst Menschen abwerten will.

Furios: Warum hängen Leute denn so an diesen problematischen Begriffen?

Stefanowitsch: Menschen hängen gar nicht so sehr an den Begriffen selbst, sondern nutzen sie, um ihren Kulturkampf zu betreiben. Ich habe selten Leute erlebt, denen der Begriff »Zigeunerschnitzel« wichtig ist, weil es eine solch kulinarische Besonderheit für sie ist. Meist sagen sie: »Vielleicht könnt ihr mir verbieten die Sinti und Roma Zigeuner zu nennen, aber das Wort Zigeunerschnitzel lasse ich mir nicht verbieten.« Häufig will man gar nicht die Betroffenen provozieren, weil man nicht mal weiß, wer »die« eigentlich sind. Man will eher Leute provozieren, denen politisch korrekte Sprache wichtig ist. 

Furios: Warum begegnet man Menschen, denen politisch korrekte Sprache wichtig ist, nicht einfach offener?

Stefanowitsch: Wenn ich diesen Leuten recht gebe und merke, dass ich Wörter verwende, die man nicht mehr sagen soll, muss ich zugeben, dass ich bis zu diesem Zeitpunkt rassistische Sprache verwendet habe. Da ist es leichter, sich uneinsichtig zu zeigen, als sich zu fragen: »Wen habe ich damit beleidigt?«

Autor*innen

Rabea Westarp

Das Schreiben nutzt Rabea Westarp als Waffe gegen ihre immense Faulheit und Lethargie. Klappt eigentlich ganz gut.

Antonia Böker

Antonia Böker ist pathologische Klugscheißerin. Deswegen probiert sie es jetzt mal mit Journalismus.

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