FURIOS im Kaff: Seelenbalsam

Nach dem anstrengenden Semester forderte die Seele unseres Autors Julian Sadeghi eine Verschnaufpause ein. Also ist er mit ihr ins Nichts, kurz Brandenburg, gefahren.

Ein Schloss im Nichts – der perfekte Ort zur Rast. Foto: Pixabay.

Letztens sprach ich nach langer Funkstille mit meiner Seele. „Lass mich mal wieder baumeln”, bat sie mich. Also schlug ich vor, ein paar Runden mit dem Rad übers Tempelhofer Feld zu drehen oder mal wieder im Grunewald zu joggen. „Deinen fehlenden Einfallsreichtum fand ich schon immer problematisch,” entgegnete meine Seele pampig. „In einem schönen Buch schmökern vielleicht?” ‒ „Nein, sowas doch nicht! Lass uns aufs Dorf fahren. Da ist es ruhig und grün, die Luft ist gut und es passiert rein gar nichts, tagelang.” Skeptisch fragte ich, ob es ihr dort nicht schnell langweilig würde. „Ich bin deine Seele, mir kann nicht langweilig werden, du Experte!”, schallte es zurück.

 Es gibt Länder, wo richtig was los ist…

So stehe ich nun am Gesundbrunnen an meinen Drahtesel gelehnt und warte auf den Regio gen Brandenburg. Der Zug rollt ein, ich stiefele schlecht gelaunt hinein und setze meine Kopfhörer auf, um als kleine Spitze gegen meine Seele Brandenburg” von Rainald Grebe abzuspielen. In Brandenburg, in Brandenburg ist wieder jemand voll in die Allee gegurkt!” „Ausmachen. aber dalli!”, empört sich mein Innerstes. „Nein“, antworte ich bestimmt, „ich möchte das jetzt hören.” Ich erhalte keine Antwort, es scheint zu schmollen.

Erfreut stelle ich kurz darauf fest, dass die Regios mittlerweile sogar WLAN haben. „Wehe dir! Immer wenn du im Internet hängst, fällt mir die Baumelei doppelt so schwer!“, werde ich gemaßregelt, noch bevor ich die Gelegenheit habe, die WiFi-AGB zu akzeptieren. Beschämt schiebe ich das Handy zurück in meine Tasche.

Da stehen drei Nazis auf dem Hügel und finden keinen zum Verprügeln! In Brandenburg, Brandenburg!” „DIE Gefahr ist dir schon bewusst, oder?”, frage ich. „Mach dich nicht lächerlich”, tönt es zurück, „wir fahren doch nicht nach Jamel.”  

Nimm‘ dir Essen mit, wir fahren nach Brandenburg!” Die Liedzeile bringt wieder Leben in meine Seele. „Grandiose Idee. Essen ist wichtig!“, verkündet sie. „Soul Food sozusagen“, witzele ich und kaufe nach meiner Ankunft ein Käsebrötchen.

 … und es gibt Brandenburg

Jetzt noch schnell auf dem Handy eine schöne Route heraussuchen. Das Problem: Oben auf meinem Bildschirm lächelt frech das kleine „E” ‒ und das steht sicher nicht für “Ernstzunehmende Internetgeschwindigkeit”. Der mobile Kartendienst fällt flach. „Fahr doch einfach mal los. Dahin, wo es schön ist, ohne Plan, ganz spontan!“ krächzt meine Seele. Seufzend sattle ich auf; fahre einfach los, ohne Plan, ganz spontan.

Wenig später radeln wir beide in halbwegs trauter Zweisamkeit entlang kleiner Weiher auf sandigen Forstwegen, Insekten umschwirren mich, die Sonne scheint. Ich schaue mich um, atme tief ein und aus, spitze die Ohren, es ist mucksmäuschenstill. „Wirklich idyllisch hier“, gestehe ich ein. Es tönt zurück: „Ha, Captain Obvious, späte Einsicht!“

Nach einigen Kilometern erreichen wir ein altes Kloster, schön gelegen an einem See. Hohe Bäume spenden Schatten. Eine Bank lädt zum Verweilen ein. Ich setze mich, esse mein Käsebrötchen und es passiert ‒  rein gar nichts. „Wahrscheinlich tagelang…“ schmatze ich lächelnd. „Jetzt baumele ich!“, schallt es plötzlich in die Weiten Brandenburgs. „Jetzt?“, frage ich aufgeschreckt. „Ja, jetzt!“ Meiner Begleiterin scheint es hier zu gefallen und ich stelle fest, mir auch. „Hach, dieser Ort ist reinstes Balsam”, brummelt sie höchstzufrieden. So bleiben wir dort eine Weile. Sie baumelnd, ich sitzend.

Pakt mit der Seele

Als sich irgendwann der Himmel verdunkelt, beschließe ich, den Rückweg anzutreten. Der nächste Bahnhof ist nur neun Minuten entfernt. Dank des Bahnhofs-WLAN finde ich heraus, dass die Zugfahrt nach Hause exakt 38 Minuten dauert. Mein allmorgendlicher Weg zur Uni dauert genauso lange und hat einen weitaus weniger idyllischen Zielort. Gemeinsam beschließen meine Seele und ich, das ab jetzt häufiger zu machen.

Autor*in

Julian Sadeghi

Gibt es was Schöneres als rhetorische Fragen?

Ähnliche Artikel

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.