Furios forscht: Ja sagen!

Wenn man in der emotionalen Sackgasse landet, muss man neue Wege zum Glück beschreiten. Das hat zumindest Michael Reinhardt in den Semesterferien herausgefunden.

Wenn man eine Tür wählt, verschließen sich möglicherweise andere. Bild: Pixabay

Am Ende der letzten Vorlesungszeit war ich kaputt. Innerhalb eines Semesters hatte mein Stresslevel um ein Vielfaches zugenommen. Die Auswirkungen waren deutlich: Meine Haare fielen aus, meine Hände zitterten, meine Haut wirkte um Jahre gealtert. Zumindest erreichte ich Modelmaße, weil ich kaum noch etwas aß. Alles war anstrengend, aufreibend, aussichtslos. Wie hatte ich mich nur in diese Sackgasse navigiert? 

Gut, vielleicht waren meine Ziele bis zum Ende des Semesters etwas überambitioniert: Eine mündliche Prüfung bestehen, drei offene Hausarbeiten nachholen, meine Bachelorarbeit schreiben. Ganz nebenbei noch einen Job finden und Bewerbungen für den Master einreichen. Dazu finanzielle Engpässe bewältigen.

Mit knapper werdender Zeit wurde der Druck immer größer. An Pausen war nicht zu denken, schließlich galt: Deadline, Deadline, Deadline! Dann kam der letztmögliche Termin zur Master-Immatrikulation. Ich war ein hilfloses Nervenbündel, das keine Entscheidung mehr über seine Zukunft fällen konnte. Dann zog ich die Notbremse.

Untersuchungsmaterial: Leben

Ich begann, mein Leben zu analysieren und sah alles, was in letzter Zeit gelitten hatte. Freundschaften waren zerfasert. Meine Beziehung fand nur noch auf dem Papier statt. Der Sommer war für andere, die draußen im Park chillen konnten.

Ich nahm die Tabelle, in welcher mein Leben bis Ende September minutiös geplant war. Erst jetzt wurde mir klar, dass alle so erdrückenden Termine nicht von einer höheren Macht vorgegeben waren – sondern von mir selbst. Was würde eigentlich passieren, wenn ich alles um ein Semester verschieben würde? Wenn ich mir wieder Freude erlauben würde?

Ich beschloss, ein Experiment zu wagen, meine eigene kleine Feldstudie. Forschungsfrage: Wie kann ich mein Leben verbessern? These: Wenn ich ja sage, werde ich glücklicher. Untersuchungszeitraum: ab heute, bis immer. Methode: Zustimmung.

Methode: „Ja“ sagen!

Die einzige Regel: Immer, wenn mich jemand etwas fragt, muss ich erst „Ja“ sagen und zuhören. Nur wenn Geld oder Daten verlangt werden, muss ich nicht zustimmen. Über den Rest soll der Zufall entscheiden.

Mein Leben ändert sich. Am zweiten Tag begegnet mir eine ältere, offenbar einsame Frau. Ihr Hund rutscht über den Boden und will nicht mehr laufen. Als sie mich anspricht, renne ich nicht hektisch weiter. Ich zwinge mich, ihr zuzuhören. Ihr Hund ist krank und muss zum Tierarzt. Kurzerhand trage ich ihren kleinen Liebling zum Arzt. 

Die neue Offenheit prägt meinen Alltag: In der S–Bahn hörte ich auch noch dem fünften Musizierenden zu, anstatt entnervt mit den Augen zu rollen. Ich werde gelassener. Auf der Straße lächle ich fremde Menschen an, statt starr auf den Boden zu schauen. Zugegeben, das sorgt für einige befremdete Gesichter – schließlich sind wir immer noch in Berlin.

Dann fragt eine mir unbekannte Kommilitonin, wer sofort einen Nebenjob für vier Wochen übernehmen könne. Sofort sage ich zu. Jetzt reden wir darüber, wie ich bei der Firma bleiben kann. Ich lerne neue Menschen kennen und werde von Fremden in Bars angesprochen. Statt skeptisch zu reagieren, versuche ich, mich ihnen zu öffnen. Eine Stunde später werde ich zur Geburtstagsparty am nächsten Tag eingeladen.

Fazit: Offen bleiben

Für einige mag das alles selbstverständlich und normal sein. Andere werden mein Verhalten als naiv ansehen. Für mich war mein Experiment die Rückkehr zum Glücklichsein. Die Erkenntnis, mir selbst im Weg zu stehen, hat alles verändert.

Das kommende Semester wird ähnlich stressig wie das vorherige. Und ich weiß natürlich auch, dass es im kalten Berliner Winter hart sein wird, die Offenheit beizubehalten. „Ja” zu sagen bringt dabei Abwechslung und Spannung – und dadurch mehr Freude. Nein gesagt habe ich letztlich in wenigen Momenten. Einmal zum Beispiel, als mir jemand 100 Euro bot, um mir die Füße zu kitzeln. Wer weiß was passiert wäre, hätte ich ja gesagt…

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